Offener Brief

Offener Brief an die Antilopen Gang zum Video „Kleine miese Type“

und der Forderung nach einer Welt ohne Prostitution

 

Liebe Antilopen Gang,

Mein Name ist Ruby, ich bin intersektionelle Feministin und aktive Sexworkerin. Ich wende mich an Euch als unabhängige Sexarbeits-Aktivistin und ich mag Eure Musik. Mit großer Erschütterung habe ich festgestellt, dass Ihr Huschke Mau, die sich in Deutschland massiv für die Abschaffung von Sexarbeit und damit für eine Repression von Sexualität und zwischenmenschlichen Beziehungen einsetzt, sehr viel Raum und Sichtbarkeit eingeräumt habt.
Erst im Februar habe ich in Berlin Euer Konzert besucht und hatte so viel Spaß. Umso mehr möchte und muss ich Missverständnisse und Probleme ansprechen, die mit der Person Huschke Mau und ihren politischen Positionen verbunden sind. Ich hege die Hoffnung, dass Euch, wie vielen anderen diese Punkte, auf die ich gleich eingehen werde, nicht bewusst waren.
Für Tausende Menschen in der Sexarbeit ist die Darstellung von Huschke Mau als Aktivistin für Frauenrechte ein Schlag ins Gesicht. Für noch mehr Menschen, die einen inklusiven und intersektionellen Feminismus vertreten, der die Rechte von LGBTQIA*Personen respektiert, ist es ein No-go, was Huschke Mau und ihre Verbündeten fordern. Doch eins nach dem anderen.

Die Causa Pocher und die Person Huschke Mau
Huschke Mau kritisiert zu Recht Oliver Pocher für das Zwangsouting unserer Kolleg*innen. Das ist aber bei Weitem nicht der Kern der Sache, für den Mau und ihre Verbündeten von Netzwerk Ella, SOLWODI, SISTERS und Neustart stehen. Darin liegt ein dreister Widerspruch, sich solidarisch mit Sexarbeiter*innen zu erklären und gleichzeitig eine „Welt ohne Prostitution“ zu fordern, die den Sexarbeitenden ihre Existenzgrundlage sowie ihr Selbstbestimmungsrecht entzieht. Geschickt lassen Leute wie Huschke Mau es so aussehen, als träten sie für die Rechte von Sexarbeiter*innen ein. Schauen wir mal genauer hin:

Sexarbeit in Deutschland
In Deutschland ist Sexarbeit legalisiert, trotzdem kämpfen wir Huren aller Geschlechter täglich gegen Diskriminierung und Stigma. Erst seit 2002 dürfen wir unserer Arbeit ohne den Sittenwidrigkeitsstempel nachgehen und unsere Kund*innen können sexuelle Dienstleistungen kaufen. Seit 2017 mit der Einführung des ProstituiertenSchutzGesetz (http://www.bgbl.de/xaver/bgbl/start.xav?startbk=Bundesanzeiger_BGBl&jumpTo=bgbl116s2372.pdf) weht uns bereits wieder ein scharfer Wind ins Gesicht. Die Zwangsregistrierung (§3 ProstSchG) mit der Einführung des Hurenpass und die zunehmende Regulierung der Branche schaffen keine besseren Verhältnisse für Sexarbeitende in Deutschland. Schon jetzt werden Sexarbeiter*innen, die sich aus Angst vor Datenklau, Outing oder weil sie keinen Wohnsitz in Deutschland und/oder keine Arbeitserlaubnis haben, nicht registrieren lassen, in die Illegalität gedrängt.

Sexarbeit in Ländern mit Sexkaufverbot
Die Situation in Ländern wie Schweden, Kanada und Frankreich (u.a.), wo das von Huschke Mau geforderte Sexkaufverbot herrscht und Freier*innen kriminalisiert werden, ist verheerend.
Es bedeutet die gesellschaftliche Ächtung von Sexarbeit, die Anbieter*innen gehen zwar vordergründig straffrei aus, stattdessen müssen die Kund*innen mit Strafen rechnen. Man bestraft also die Nachfrage und sagt, die Sexarbeiter*innen hätten nichts zu befürchten. Doch ist die Realität in diesen Ländern eine andere:
Jede*r, der Sexarbeitende in irgendeiner Form unterstützt, egal ob Eltern, Freunde, Partner*innen, Dienstleister*innen oder sonstige Provider macht sich der „Förderung der Prostitution“ oder gar der Zuhälterei schuldig. Das sieht dann so aus: Sexarbeitende Person möchte eine private Wohnung mieten: Nein, das ist Zuhälterei oder „Sittenwidriges Bordell“. Sexarbeitende Person hat ein Kind: Es kann ihr entzogen werden, weil sie keinen „moralisch einwandfreien Lebenswandel“ vorweisen kann: Kindesentzug! Sexarbeitende bezahlt ein Taxi: Vorschub der Prostitution! Es geht soweit, dass Unterstützungsorganisationen kein Bankkonto eröffnen dürfen, um Fördermittel zu empfangen. Es ist eine furchtbare Stigmatisierung, die dort gesetzlich verankerte Realität ist.
Zurück geht die Forderung nach Sexkaufverboten auf eine Moralpolitik, die protestantischen Ursprungs ist und allein synchrone Beziehungen zulässt. In Schweden ist dieses Gesetz am Längsten in Kraft und ist bereits in Herkunft und Konsequenz erforscht worden, hier findet man mehr fundierte Infos zu diesem Thema:

Susanne Dodillet: https://missymagazine.de/wpcontent/uploads/2014/02/Dodillet_Oestergren_Das_schwedische_Sexkaufverbot.pdf
Seinen Zweck, Sexarbeit zu verdrängen, erfüllt es nicht, denn natürlich arbeiten die Kolleg*innen weiter, nur eben in der Grauzone, ohne Unterstützung, schützende Gesetze und Rechte. Ergo, es verschlimmert die Situation der Sexarbeitenden und das ist schon lange bekannt.

Die Forderung nach Sexkaufverbot in der Corona-Krise
Mit solchen Organisationen wie Neustart, SISTERS, SOLWODI und Aktivist*innen wie Mau, Norack und  Kraus können wir Sexarbeiter*innen uns nicht einmal auf den Begriff unserer Tätigkeit einigen. Für sie ist Prostitution Vergewaltigung, doch wir fordern „Sexarbeit ist Arbeit – Respekt!“ Statt Prostitution sprechen wir von Sexarbeit, um den Arbeitscharakter unseres Berufs zu betonen und Anerkennung statt Verboten zu fordern.

Gerade jetzt die bittere Wahrheit: Die Hurenbewegung in Deutschland, Österreich und anderen Ländern ist chronisch pleite, aber solidarisch in der Corona-Krise. Wir stellen große Hilfsfonds für Kolleg*innen auf die Beine, die aufgrund ihres Status als Migrant*innen, Geflüchtete oder nicht-registrierte Sexarbeitende keine Anträge auf Soforthilfe oder ALG2 stellen können.
Die Organisationen, wie Neustart, Netzwerk Ella, SISTERS und SOLWODI, für die Huschke Mau ein Aushängeschild ist („Überlebende der Prostitution“) sind wohlausgestattet mit Mitteln und Funding. Sie leisten sich teure Kampagnen, wie #Rotlichtaus oder #KarlsruhegegenSexkauf, und scheinen über endlose Mittel für Kongresse etc. zu verfügen. Vollzeitaktivistinnen wie Mau und Co gibt es dagegen in unseren Reihen so gut wie nicht. Deswegen sind wir in der Debatte auch deutlich unterrepräsentiert und müssen uns immer mühsam Zeit und Energie für politische Arbeit nehmen.
Die zentrale Forderung von Huschke Mau und ihren Verbündeten ist ein Sexkaufverbot in Deutschland. Hasserfüllt sprechen sie über „Deutschland, das Bordell Europas“ und bezichtigen Aktivist*innen aus unseren Kreisen als Zuhälterlobby. Sie trollen unsere Profile in den sozialen Medien und stören die wenigen öffentlichen Auftritte, die wir als engagierte Aktivistinnen neben unserer Arbeit leisten können. Noch mehr als uns selbstbestimmte Huren hassen sie unsere Kund*innen und überziehen sie mit einer nicht endenwollenden Häme. Sexualität dürfe nicht käuflich sein, es entwerte sie. Und Personen wie ich und viele andere Kolleg*innen seien die Ausnahme. Hier wird unterstellt, dass es viel mehr Opfer von Zwangsprostitution geben würde als Menschen, die aus den gleichen Gründen in der Sexarbeit tätig sind, wie andere ihrem Broterwerb nachgehen, nämlich um Geld zu verdienen. Die Zahlen, die Huschke Mau vorgibt zu kennen, die gibt es nicht und kann es aufgrund der komplexen Zusammensetzung der Branche auch nicht geben.

In der gegenwärtigen Corona-Pandemie sehen sie beste Voraussetzungen, um ihre Forderung Realität werden zu lassen. Direkt am 14.03.20 bejubelte Leni Breymaier die Schließung unserer Arbeitsstätten und twitterte „Man(n) könne ja jetzt schon mal für ein Sexkaufverbot üben.“ Uns Sexarbeitenden sind die Einnahmen weggebrochen, die mit Hurenpass Registrierten können Anträge auf Soforthilfe und ALGII stellen und erhalten vorläufige Unterstützung, doch was ist mit den vielen Kolleg*innen, die sich nicht registrieren konnten, aus Angst vor Outing, die aus anderen Ländern zum Arbeiten nach Deutschland kommen? Ich weiß, Huschke Mau und ihre Verbündeten wollen solidarisch mit Kolleg*innen in der Krise klingen, aber das ist reine Rhetorik. Sie sind es nicht.

Differenzierung statt monokausaler Augenwischerei
Eins möchte ich ganz klar stellen, die moderne Realität der Sexarbeit ist weder das Happy-Hooker-Narrativ („fröhliche Escorts“) noch das der menschengehandelten Zwangsprostituierten, beide Extreme gibt es und ich leugne ihre Existenz nicht, aber sie bilden nicht die Regel ab. Die Mehrzahl der Sexworker arbeitet nicht aus physischem oder psychischem Zwang in der Sexarbeit, sondern weil es ein Modell ist, den Lebensunterhalt zu bestreiten, Ausbeutung zu Mindestlohn, Saisonarbeit, wie derzeit z.B. währender der Spargelernte sind andere Modelle. Für manche eine Übergangslösung, manche in Teilzeit, andere ein paar Tage im Monat, damit die Miete am Monatsanfang auf dem Konto ist. Andere wie ich selbständig, hauptberuflich und politisch engagiert. Es gibt keine absoluten und belastbaren Zahlen oder Statistiken zu Sexarbeit in Deutschland. Die Branche ist zu komplex und ständig im Wandel begriffen.
Hantieren die Befürworter*innen des Sexkaufverbots also mit Zahlen, ist Vorsicht geboten. Verweisen sie auf Studien, handelt es sich um grobe Vereinfachungen und die Ergebnisse sind bereits mehrfach von renommierten Forschenden entkräftet worden. Es hindert unsere Gegnerinnen nicht daran, jene Forschenden mit dem Generalvorwurf „Zuhälterlobby“ zu überziehen. Mau und Co. argumentieren in einem geschlossenen System und sind keinerlei faktischen Argumenten zugänglich. Ihr Ziel ist einzig und allein die Durchsetzung ihrer politischen Agenda.

Ein Sexkaufverbot in Deutschland? Wir sind entschieden dagegen.
Ein Sexkaufverbot in Deutschland hieße, die Menschenrechte mit Füßen zu treten, Tausende Sexworker zu entmündigen und ihre potentielle Verarmung in Kauf zu nehmen. Aufgrund von Stigmatisierungen wird unsere Berufserfahrung nicht gleichwertig mit anderen Berufen anerkannt und im Falle einer Umorientierung wären wir stark benachteiligt. Außerdem haben Sexarbeitende ein Recht auf freie Berufswahl, egal ob Moralist*innen dies anerkennen können, oder religiöse Fanatiker*innen ihnen dies zugestehen. Ich bin nicht allein mit dieser Sichtweise, in Forschung und Beratung haben die Sexarbeiter*innen in Europa starke Verbündete wie Amnesty International, Deutsche Aidshilfe, STI-Gesellschaft und viele mehr, die seit Jahren Rechte statt Rettung fordern. Sie treten ein für eine Entkriminalisierung und Anerkennung der Sexarbeit und haben aus diesen Gründen den Brief an Euch mitunterschrieben.

Wollt ihr wirklich Leute pushen, die gegen Trans*personen, Migrant*innen und gegen die Selbstbestimmung der Frau agieren?
In der Sache Pocher-Mau-Euer Video hat etwas stattgefunden, das leider immer wieder passiert und nur zu verständlich ist:
Sexarbeit ist ein Bestandteil unserer Gesellschaft, über die die allermeisten nicht genug wissen. Somit haben viele Menschen Vorurteile und Berührungsängste mit meinem Berufsstand. Ich habe selbst ein Zwangsouting erlebt und weiß daher genau um Diskriminierung und Stigmatisierung, das Sexarbeiter*innen entgegenschlägt, wenn sie geoutet werden. Huschke Mau und ihre Leute argumentieren mit Halbwahrheiten und persönlichen Zeugnissen, die sie geschickt mit ihrer politischen Agenda verquicken. In den Tweets und Texten der letzten Tage habe ich sie daher als „Tränendrüsenfraktion“ betitelt. Mau solidarisiert sich nur vorgeblich und dem Anschein nach mit den zwangsgeouteten Kolleg*innen. Wo ist das Problem dieser Pseudo-Solidarisierung? Huschke Mau benutzt Menschen dafür, ihre politischen Forderungen, die Menschenrechte für Sexarbeitende mit Füßen treten, zu pushen. Es ist dreist und widersprüchlich, Menschen zu benutzen, deren Existenz man leugnet und bekämpft. Sie, Alice Schwarzer, Ingeborg Kraus, Sandra Norack und viele, viele mehr stehen für einen Feminismus, der ausgrenzt und verbietet. In der Welt von Mau und Co. wird gegen Trans*personen gehetzt, sie nehmen in Kauf, dass in Ländern mit Sexkaufverbot dieses dazu instrumentalisiert wird, Migrant*innen abzuschieben und Menschen mit nicht-synchroner Sexualität zu diskriminieren.

Wenn ich euer musikalisches Schaffen und die Inhalte eurer Texte betrachte, kann ich nicht glauben, dass Ihr als Antilopen Gang Position gegen Frauenrechte bezieht. Ich kann nicht glauben, dass euch Trans*Personen gleichgültig sind, und Ihr die Repression von Sexualität fördern möchtet. Ich denke: Euch ging es wie vielen, denen die Botschaft von Huschke Mau auf den ersten Blick unterstützenswert erscheint. Doch ihre Botschaft ist rassistisch, diskriminierend und moralistisch.

Ich würde mir sehr wünschen, dass die Antilopen Gang für einen intersektionellen und inklusiven Feminismus eintritt und die Menschenrechte von Sexarbeitenden und allen anderen Menschen achtet. Diesen Offenen Brief haben zahlreiche Verbündete und Kolleg*innen unterschrieben. Das ist mir wichtig, um deutlich zu machen, dass es keine Einzelmeinung ist, sondern, dass viele Menschen durch dieses Thema bewegt werden.

Was könnt Ihr tun? Ich und andere Sexarbeiter*innen, sowie viele Organisationen sind bereit, mit Euch zu diskutieren. Ich fände es schlimm, wenn bei Euren Fans und anderen Menschen der Eindruck entsteht, Ihr wärt gegen uns. Bitte nehmt diesen Offenen Brief zum Anlass, zu überdenken, ob Ihr wirklich nur einer so einseitigen Meinung auf das komplexes Thema Sexarbeit eine Plattform bieten wollt? Bitte berichtet Euren Followern und Fans von unserem Diskurs.

Es grüßt Euch,
Ruby Rebelde