Desinformation über Sexarbeit

Desinformation über Sexarbeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen?

SWR: Mal ehrlich: Sex gegen Geld – Gehört das verboten? (5.5./22h)

(Teil 2)

Vorab: Mit dieser Analyse verfolge ich die Absicht, Desinformation und Wissenschaftsleugnung, wie sie die Gegner*innen der Sexarbeit benutzen und die leider von vielen Medien aufgegriffen und damit verbreitet wird, sichtbar und nachvollziehbar zu machen. Neben der Beschreibung von Techniken und der Untersuchung von Gewichtungen und Formulierungen, geht es mir in einem nächsten Schritt darum, Taktiken zu durchdenken und zu einem veränderten Argumentationsverhalten anzuregen. Damit möchte ich keiner Person zu nahetreten, die mit meinen Schlussfolgerungen nicht einverstanden ist und es geht mir auch explizit nicht darum, hier den Finger in die Wunde derjenigen zu bohren, die bisher gegen die Antis argumentiert haben. Es ist daher keine kritische Auseinandersetzung mit den Argumenten einzelner Personen, wohl aber mit der allgemeinen Herangehensweise an solche Formate.

Wir erinnern uns, Manfred Paulus machte sich zum Ende der ersten Hälfte zum Anwalt der Ausgebeuteten und erhob den Vorwurf: „Viele, die vom „Rotlichtmilieu“ (sic) sehr, sehr wenig Ahnung haben, diskutieren hier mit rum, und das ist ein Übel.“ Abgesehen von der pathetischen Wortwahl, die an die letzte Predigt denken lässt, benutzt er hier einen Schlüsselbegriff der Desinformation, nämlich das „Rotlichtmilieu“. Dieser Begriff ist leider sehr verbreitet in der heutigen Berichterstattung über Sexarbeit und lässt mehr Leerstellen, als er füllt und das mit absoluter Absicht. Es gibt keine einheitliche Situation sexarbeitender Menschen in Deutschland, ihre Lebensrealitäten sind sehr verschieden und sind wenig erforscht. Der Begriff lässt aber an organisierte Kriminalität denken, und an verrauchte Nachtclubs. Ich erlaube mir an dieser Stelle einen Hinweis auf die sonstige Repräsentation von Sexarbeiter*innen in den Medien, die vor allem als Leiche in Krimis auftauchen und somit ebenfalls in Verbindung mit Verbrechen gebracht werden. Stockfotos (Schuhe, Hinterteile, etc) über skandalisierenden Berichten tun dann zur Manifestation solcher Begriffe wir RLM ihr Übriges.
Paulus schien diese Aussage an Judith Skudelny gerichtet zu haben, denn Moderator Weber will sie einbeziehen. Auf den Zwischenruf von Salome Balthus, die zu Recht auf die Tatsache hinweist, dass Paulus vor fast 20 Jahre aus dem aktiven Berufsleben ausgeschieden ist, benimmt sich Weber wie ein mahnender Kindergärtner und maßregelt Balthus mit erhobenem Zeigefinger. Mansplaining, lupenrein, gepaart mit #PLURV, denn „Er ist immer noch tätig“. Stimmt Herr Weber, und wissen Sie bei was? Bei der hartnäckigen Verbreitung eines Narrativs, dass die Menschenrechte von Sexarbeitenden durch Bevormundung, Unsichtbarmachen, Pathologisierung und Verbote nachhaltig schädigen möchte.

An Skudelny gerichtet formuliert er: „Wenn es diese Sogwirkung nach Deutschland also gibt, machen wir dann mit unserem Gesetz nicht doch was falsch?“ Weber bestätigt hier die Existenz eines solchen „Sogs“ im Sinne von Paulus & Co. Ohne zu hinterfragen: ist das so/wie genau ist es denn? Und ist das „nur“ in der Sexarbeit so, oder betrifft das nicht auch Pflege, Bau, Landwirtschaft? Was ist mit denen, die nicht nach Deutschland kommen, die dem „Sog“ widerstehen? Wie sieht deren Lage aus?
Skudelny greift unerfreulicherweise den Begriff der „Sogwirkung“ auf und argumentiert mit der Kaufkraft der Menschen hierzulande. Leider ungeschickt am Beispiel von Drogen. Einmal über Sexarbeit reden, ohne mit Klischees bombardiert zu werden, das wärs! (Ironie)
Danach macht sie aber wesentliche Punkte, und benennt Abbau von Stigma, fehlenden Opferschutz als wichtige Bausteine, die in ihren Augen in einer differenzierten Debatte fehlen. Außerdem spricht sie als Einzige an, dass Prostitution kein „deutsches“ Problem sei. Bisschen schief, hätte ich anders ausgedrückt, aber immerhin.
Jetzt reden wir über Freier. Beim heutigen 2. Mal Anschauen des Beitrags wird mir klar, dass es ein Skript für diese Sendung gegeben haben muss, oder einen sehr engen Ablaufplan.
Sandra Norak meldet sich zu Wort, scheint dringend, ich bin gespannt, doch zuerst Weber: „Es gibt einen regen Sextourismus in grenznahe Bordelle auf deutscher Seite.“ Eigentlich erwarte ich von einem Moderator des öffentlich-rechtlichen Fernsehen, dass er ethische Grundsätze beherzigt und differenziert. Der Begriff Sextourismus ist ebenso wie Paulus‘ Sexsklaverei populistisch, verzerrt Wirklichkeiten und schürt Vorurteile.

Norak erwähnt ihre Tätowierung (mit der ihr Zuhälter sie markiert hat). Bei der Einblendung, frage mich, wieso nun plötzlich mit Zusatzmaterial gearbeitet wird? Als vorher über Zahlen, Gesetz und andere komplexe Inhalte gesprochen wurde, wurden weder Quelle noch Grafiken eingeblendet. Lange bleibt die schlecht gestochene Tätowierung im Bild. Norak hat entschieden, sich persönlich als Galionsfigur der Freierkriminalisierung zu instrumentalisieren. Mit Einsatz ihres ganzen Körpers, unter Einbeziehung ihrer persönlichen Biografie und aller Stilmitteln, die daraus erwachsen.
Bei allen Äußerungen von Norak und anderer „Überlebender“, wie sie sich selbst bezeichnen, wird stets ehrfürchtig die Luft angehalten. Ihre Worte haben Gewicht.
Würde doch diese ungeteilte Aufmerksamkeit und dieser Respekt doch bitte nur einmal, ein einziges Mal, einer Sexarbeiterin in einer solchen Runde/Talkshow/Podium zu Teil werden. Stattdessen müssen Sexworker die nicht als Opfer „resozialisiert und vorzeigbar“ gemacht wurden mit Othering und Skepsis gegenüber ihrem Expert*innenwissen leben. Sie werden hinterfragt, angegriffen und häufig versuchter Diskreditierung ausgesetzt.
Die Geschichte von Norak zweifelt keine* an, aber deren bewusste und vorsätzliche Inszenierung für das erklärte politische Ziel der gesellschaftlichen Ächtung der Prostitution gehört hinterfragt und gewichtet. Nicht von Weber, soviel ist klar, das hat er bereits bewiesen.
Freier, die Noraks Tätowierung gesehen hätten, hätten nicht reagiert. „Es hat sie nicht interessiert.“
Geschickt und manipulativ kommt Norak so von der eigenen Geschichte auf sog. Freierforen zu sprechen. Den Personen in Freierforen fehle jedes Bewusstsein. Nun folgt Noraks Plädoyer für die Freierkriminalisierung: Sie führt die hohe Nachfrage an), und postuliert eine weitere Zahl: 1,2 Millionen Menschen würden jeden Tag sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen, und so viele Frauen, die das freiwillig machten, gäbe es nicht. Sie führt die EU-Richtlinie zu Menschenhandel, das Palermo-Protokoll und den Europarat an. Auch das ist Desinformation, denn außer wohlklingende Titel erfahren wir weder etwas über die Legitimation der Zahlen noch was in den zitierten Texten steht. „Die sagen alle, dass man die Nachfrage angehen muss“ ist das Inhaltlichste, was wir von Norak zu diesem Thema hören. Deutschland würde durch Liberalisierung und Werbung nicht dem Zustand Rechnung tragen, dass die meisten Frauen sich in Not befänden.
Das ist eine Behauptung, keine Tatsache, wird aber nicht als solche kenntlich gemacht.
Weber moderiert nun einen Einspieler an: Freier Karl hätte sich an die Redaktion gewandt und wollte über seine Bedürfnisse sprechen. Weber: „Ich bin zu ihm hin.“ Balthus` Wortmeldung wischt er mit einer ungeduldigen Geste weg. Norak dagegen wollte er unbedingt noch vor dem Einspieler zu Wort kommen lassen. Kleinigkeit, aber erwähnenswert. Wahrscheinlich stand das so im Skript.
Nun also Karl: Er erzählt von seiner Geschichte als Kunde. Findet Worte wie Erholung, Nähe, streicheln. Dann kommt Weber mit seiner Frage: „Können Sie sich vorstellen, dass es Frauen gibt, die darunter leiden, dass sie sich prostituieren?“ Darauf antwortet Karl vage, er habe eine Ahnung davon, dass es diese Zuhälter gäbe. Danach stellt er eine Relation zwischen Zeitdruck und Takt von Kundenkontakt her, und vermutet Zuhälter bei jenen Sexarbeiterinnen, die straffer getaktet sind, in der ich (selbst Sexarbeiterin) viel Raten und kaum Wissen erkenne. 2:30 Minuten ist der Clip lang.

Weber kommt auf Balthus zurück, die den Begriff Freier kritisiert, den Weber selbst übernommen hat. Schnell fällt Weber ihr ins Wort, Julia Wege hat wohl -für ihn- Relevanteres zu sagen. Er kontrastiert freiwillig-unfreiwillig und stellt somit Weges Wort gegen das von Balthus, die (Weber) das „freiwillig mache“. Wege holt aus, nun ist der Moment für anschauliche #Rosinenpickerei gekommen. Zunächst untermauert sie ihre Wissenschaftlichkeit. Sie scheint v.a. zur Gründung einer Beratungsstelle „geforscht“ zu haben, von Expertise zur Sexarbeit höre ich wenig. Da hilft der Hinweis auf die Hochschule wenig. Viele seien in Notlagen. Was erwartet sie bei einer Beratungsstelle? Dass dort die Leute ankommen, die keine Probleme haben? Und interessiert Julia Wege, was und wer die Auslöser für diese Probleme sind? Darüber spricht sie nicht, dafür über das Anschaffen bis zur Geburt und Verzweiflung.
Seltsam, bei @Hydra-Berlin drehen sich viele Beratungsgespräche dieser Tage um Bürokratie, Sozialleistungen und Umstiegswünsche. Wahrscheinlich spielt die Haltung, die eine Beratungsstelle nach außen trägt, doch eine Rolle darin, welche Klient*innen sie in erster Linie aufsuchen. Spannendes Forschungsthema, finde ich. Amalie und Julia Wege jedenfalls haben in den letzten Jahren bei vielen skandalisierenden Beiträgen Hof gehalten und durften ihre politische Agenda für eine Freierkriminalisierung vor einem Millionenpublikum ausbreiten.
Danke Öffentlich-Rechtliches Fernsehen, @ZDF, @3Sat, und SWR, danke für NICHTS.

Wortgemenge, als Balthus nachfragt, wie Wege denn ihre Schlussfolgerungen auf alle Sexarbeitende begründet. Wege versucht es wieder mit „Wissenschaftlichkeit“, sie schreibt ihre Promotion über dieses Thema und beschäftigt sich „vielleicht schon ein paar Jahre länger“ als Balthus mit dem Thema. Für mich ist das keine Begründung, und eine anders positionierte weitere Wissenschaftlerin in der Runde hätte die Befangenheit von Wege sicherlich auch nachgewiesen. Doch dem SWR geht es nicht um Ausgewogenheit, wie die Zusammensetzung der Runde eindrücklich zeigt.
Webers Respektlosigkeit gegenüber Balthus Zwischenrufen belegen erneut seine wertende, abschätzige Haltung.
Egal, wie mensch Salome Balthus gegenüber eingestellt ist, hier wird ihr übelst mitgespielt von jenem Moderator, der gezielt Rosinen pickt und Zahlen so nutzt, dass es der von ihm präferierten Sichtweise nutzt. Er sagt wirklich: „geschätzt 4-800.000 Frauen“, und verrät damit, wes‘ Geistes Kind er ist.
Das wäre der Punkt gewesen, an dem Balthus hätte auftstehen und gehen können, denn hier wird keine Person etwas ausrichten, hier wird gezielt Desinformation betrieben.
Webers Körpersprache Balthus gegenüber spricht Bände: aggressiv, drohend, zeigt er auf Balthus oder wendet ihr gezielt den Rücken zu. Der personifizierte Hurenhass des bürgerlichen, cis-hetero-normativen Südwesten der Republik.
John Heer bittet ums Wort: Er konstatiert, dass Zahlen nach oben gerechnet werden und weist Weber selbst das nach. 40.400 Personen waren 2019 nach ProstSchG angemeldet. Heer erzählt aus seinem Alltag als Bordellbetreibender in Stuttgart, beschreibt unangekündigte Kontrollen des Fachdiensts und der Steuerfahndung und fragt, ob es denn wirklich der Fall sein könne, dass Betreibende, wie Breimayer unterstellt, systematisch Sexarbeiter*innen ohne Hurenpass bei sich arbeiten ließen.
Heer argumentiert weiter, dass es in Deutschland die Regel sei, die offiziellen Zahlen nicht gelten zu lassen, wie jene vom Statistischen Bundesamts aus 2019. Er führt einen Beitrag der Deutschen Welle an, in dem von 40.000 Sexarbeiter*innen in Frankreich, die Rede ist:

https://www.dw.com/de/frankreich-das-aufbegehren-der-sexarbeiterinnen/a-57230424

Heer wird unterbrochen, hier gibt es ein kurzes Wortgefecht zwischen Balthus, Weber und Heer, das schön illustriert, wie problematisch die Zahlen rund um Prostitution sind, und wie sehr diese im Diskurs missbraucht werden, auch von Figuren wie Weber.
Weber wittert nun Morgenluft: Heer soll nun übers Paradise befragt werden, diesem „vermeintlich sauberen Haus“. Dieses „vermeintlich (sicher)“ hat Weber schon mal in der ersten Frage an John Heer einfließen lassen, ein schönes Beispiel, wie die zentralen Schlagworte immer wieder auftauchen. So werden Narrative und Framings konstruiert. So funktioniert Desinformation.

Im nächsten Einspieler berichtet Jens Rabe, Anwalt im Paradise Prozess, 45 Sekunden lang von Zeuginnenaussagen über Misshandlungen, und schließt mit den Worten: „Es sollte mehr solche Prozesse geben, denn die Taten der Zuhälter gibt es.“
Keine Sexarbeiterin würde dieser Aussage widersprechen. Natürlich müssen Straftaten geahndet werden.

Die Funktion solcher Clips in einer Talkshow wie „Mal ehrlich“ muss benannt werden: 2140 legale Prostitutionsstätten gibt es in Deutschland, in denen solche Verbrechen sind nicht der Standard sind. Doch die Realität in vielen Bordellen, die nach Kaffee, Duschgel und Langeweile beim Warten auf Kunden riecht, lässt sich nicht so schön skandalisieren. Und bleibt daher unerwähnt.
Ich bin dafür offen über Missstände zu sprechen, aber solange Sexarbeitende von Verbotspolitiken wie Freierkriminalisierung bedroht werden, kreist die Debatte nur um die extremen Positionen, die medienwirksam polemisieren und polarisieren lassen. Formate, wie dieses, nützen sicher nicht den Sexarbeitenden, zu deren Retter*innen sie sich aufschwingen.

Als Heer den Einspieler mit Rabe kommentieren will und sagt, dass diese Straftaten schlimm sind und sich die Branche davon distanziere, lacht Breimayer im Hintergrund verächtlich. Hier kommen kein mahnender Zeigefinger oder drohend gebleckte Zähne des Moderatoren zum Einsatz. Weber lässt sie gewähren. Heer spricht kurz die Razzia im Artemis 2016 an, die er „als Blamage für den Berliner Senat“ beschreibt, weil er völlig ohne Ergebnis 900 Beamte in diesen Einsatz schickte.

Weber möchte „gern einen Haken an diese Zahlendiskussion machen“. Nun darf Breimayer mit der Fragestellung „Was würde das an der Gesellschaft oder an unserem Umgang mit dem Thema Prostitution, mit dem Thema Frauen und Sexualität, ändern?“ über die Freierkriminalisierung sprechen
Sie tönt: „Wir brauchen eine andere Haltung zum Thema. (…) Es geht um Menschenrechte. (…)“
Die Menschenrechte von Sexarbeitenden, die nicht in Breimayers voreingenommene Sichtweise passen, nicht Opfer genug sind, die sind ihr jedoch gleichgültig und Schweden, das Weber in seiner Überleitung als Beispiel anführte, belegt genau diesen Umstand. Doch davon darf in einem Format wie diesem natürlich nicht gesprochen werden.

Massives Framing, wie die infratest dimap Umfrage „Soll Prostitution in Deutschland verboten werden?“ genau zwischen zwei Wortmeldungen von Norak und Breimayer eingeblendet wird, die beide von „Haltung“ sprechen: Das Ergebnis dieser Umfrage 77% lehnen in dieser Umfrage ein Verbot der Prostitution ab, nur 14% befürworten es. Die Haltung des SWR und von Weber ist längst klar, da dieses Ergebnis nicht gefällt, wird moralisiert, was das Zeug hält. Wie ein Schuljunge steht Weber vor Norak und fragt sie: „War das (Ergebnis) erwartbar?“. Er fragt sie nicht, „was sagt das aus?“
Norak redet nicht über die Umfrage, sondern über die Freierkriminalisierung, deren Durchsetzung in Deutschland sie sich verschrieben hat. Auf die Frage, „sollte Prostitution verboten werden?“, zu antworten, dass die Gesellschaft über die Freierkriminalisierung nicht ausreichend informiert wäre, ist hanebüchen.
Ein Beispiel: Auf die Frage „Sollen wir Alkoholkonsum verbieten?“ mit: „Die Gesellschaft ist über die Prohibition nur nicht ausreichend aufgeklärt.“ Zu beantworten, würde kein Moderator dieser Welt durchgehen lassen. Hier geschieht es, ohne Einwand des Gastgebers Florian Weber.

In den letzten Minuten dreht sich die Debatte schwindelerregend im Kreis: Norak fordert von Heer, dass er Verantwortung für Missstände außerhalb seiner Betriebe übernehmen soll. Das kann er nicht, und wie soll er schon gut antworten auf Noraks Frontalangriff auf seine Kandidatur als Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart? Norak geht geschickt vor als sie ihm zugesteht, dass sie ihm ja glaube, dass es in seinem Betrieb sauber zuginge, aber fluggs, wird das als Ausnahme markiert. Norak muss Heer nichts glauben, denn es geht hier nicht um Einzelschicksale sondern um Sexarbeitspolitiken, die sich auf alle Menschen in der Prostitution auswirken. Dazu kann weder Norak, noch Heer etwas Konstruktives sagen, fürchte ich. Statt jetzt kleinschrittig auf, wer sagt was einzugehen, möchte ich lieber was zur Unsinnigkeit der Debatte anmerken:
Als Betreibender hat Heer und viele andere Inhaber von Prostitutionsstätten eine ganz andere Agenda als Sexarbeitende. Bei Kandidaturen oder bei Versuchen von Lobbyarbeit, sowie bei den Öffnungsforderungen in 2020 zeigt sich: Den Betreibenden geht es nicht darum, zu fragen, woher kommen Sexarbeitende, wieso gehen sie der Sexarbeit nach? Selbst die Frage nach der Dunkelziffer interessiert sie nur mittelbar, denn in ihren Betrieben dürfen ohnehin nur die 40400 registrierten Sexarbeitende arbeiten. Sie haben wirtschaftliche Interessen zu verwalten, hier geht es um Steuerlasten, Auflagen und Konzessionen. Der Anti-Sexarbeits-Bewegung ging es nie um den realen Zustand der Sexarbeit, sondern um die Verbreitung ihrer manipulierten, skandalisierten Opfer-Realität, die agitieren möchte, Sexkauverbote zu erlassen. Sie wollen verteufeln und eine  Symptomkur durchsetzen. Dazu bedient sich diese Bewegung skandalisierter Zustandsbeschreibungen, zugespitzt, ohne Quellen und unwissenschaftlich

Kurz vor Schluss antwortet Julia Wege auf die Frage Webers: „Kann es eine saubere Prostitution geben?“ mit Nein.

Vorher musste sie die 90% Opfer von „Zwangsprostitution“ die von Breimayer und Norak immer bemüht wird, auf 60-90% datieren. Auch 60% sind eine voreingenommene Schätzung, aber ich möchte das trotzdem erwähnen. Skudelny: „Die Frage hätte eine andere sein müssen. (…) Dient das „Nordische Modell“ dazu Frauen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen? Das wäre die entscheidende Frage für den heutigen Tag gewesen.“ Weber, etwas in Bedrängnis: „Welche konkrete Antwort haben Sie?“ Die Antwort hört er sich nicht an, sondern fällt ihr ins Wort, als sie Beratung und Ausstieg, sowie Ausleuchtung des Dunkelfelds benennt (sag doch Umstieg, und lass die hell-dunkel Metapher weg, Judith 😊): Weber: „Wieso passiert das nicht längst?“ Skudelny: „Indem wir viel mehr solche Sendungen machen.“
Dazu abschließend ein paar Gedanken:
Mehr solche Sendungen wie diese? Bitte nicht.

Hier die blanken Zahlen:
Die Redeanteile (nicht mit der Stoppuhr genommen) waren so verteilt:
Sandra Norak hat den mit Abstand größten Anteil an der Sendezeit von 60 Minuten (ca. 12 Minuten / 20%), Salome Balthus kommt auf ca. 7,5 Minuten, das sind ca. 13%, Judith Skudelny kommt wie Julia Wege und Manfred Paulus auf ca. 4,5 Minuten, also ca. 8%, John Heer musste sich mit 3 Minuten begnügen, das sind 5%, Breimayer liegt bei 4 Minuten, das entspricht etwas über 6%, der Rest der Zeit geht an die 4 Einspieler (Balthus/Karl/Rabe/Umfrage) und Florian Weber.
Insgesamt dürfen die Gästinnen in dieser Talkshow ca. 68% der Zeit selbst sprechen. Davon entfallen 42% auf die Befürworter*innen der Freierkriminalisierung, die ja nicht über Sexarbeit sprechen, sondern ihr Narrativ pflegen, und nur 26% auf Personen, die keine Freierkriminaliserung wollen.

Sie durften in dieser Sendung nicht über ihre Lebensrealitäten sprechen, weder der Bordellbetreibende, noch die Sexarbeiterin, noch die Politikerin, sondern wurden nur in Bezug auf die Behauptung der mehrheitlich verbrecherischen Realität von Prostituierten hin befragt, die die Antis aufgestellt haben.
Wieso der SWR den Titel „Sex gegen Geld – gehört das verboten?“ wählte, bleibt sein Geheimnis. Besser gepasst hätte: Florian Weber moderiert die bunte Gala für die Freierkriminalisierung.

In aller Deutlichkeit kritisiere ich die verheerende Desinformation, die Weber in der Sendung selbst ausgeübt und zugelassen hat. Es ist #falseBalance, und sollte der Versuch erfolgen, diese Sendung als ausgewogen zu bezeichnen, sollte dem Sender und seinem Moderatorenblondi die Schamesröte ins Gesicht steigen.
Gemeinsam mit Pseudo-Expert*innen setze ich mich nicht mehr in Diskussionsrunden, denn gegen ihre Logikfehler, Unerfüllbare Erwartungen, Rosinenpickerei und Verschwörungserzählungen – kurz #PLURV – erscheint die Realität immer farblos.
Mehr zu #PLURV und Sexarbeit könnt Ihr hier lesen:

http://mademoiselleruby.com/2021/04/01/plurv/

In einem solchen Format sollte sich sexarbeitende Protagonist*innen, wenn überhaupt, damit auseinander gesetzt werden, Desinformation und #PLURV gezielt sichtbar zu machen. Unaufgeregt, logisch, wissenschaftlich. Daher ist der Boykott solcher Formate ein Weg, die Medien zu einem anderen, respektvolleren und weniger wissenschaftsleugnenden Umgang mit dem Thema Sexarbeit zu bewegen, indem wir Sexarbeitende sie gezielt auf dem Trockenen sitzen lassen und sich nicht beteiligen.
Mehr dazu in Kürze.

Desinformation über Sexarbeit im SWR -Teil 1-

Desinformation über Sexarbeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen?

SWR: Mal ehrlich: Sex gegen Geld – Gehört das verboten? (5.5./22h)

(Teil 1: Minuten 1-30)
(Teil 2: Minuten 31-60)
Am 5.5. um 22h strahlte der SWR die Sendung #malEhrlich: Sex gegen Geld – Gehört das verboten? aus. Moderator Florian Weber leistete dort gezielter Desinformation über Sexarbeit Vorschub. Wie nahezu immer, wenn es um Prostitution in den Medien geht, spielt #falseBalance eine große Rolle. Die Zuschauer*innen dieser Sendung erleben das #PLURV – Prinzip in Anwendung und Wirkung. Schon in der Einleitung wird das greifbar, als Weber die Schlagworte

Bordell Europas | Sextourismus | „Zwangsprostitution“ |Verbot

benutzt.

Anwesend sind: Sandra Norak, Salome Balthus, Julia Wege, John Heer, Manfred Paulus, Leni Breimayer und Judith Skudelny.
Das who-is-who der Anti-Sexarbeits-Bewegung, vernetzt in Politik, Polizei, Soziale Arbeit trifft auf eine Sexarbeiterin, einen Bordellbetreiber und eine mir bislang unbekannte FDP-Politikerin. Das Verhältnis ist 4:3. 4 Personen, die eindeutig die politische Forderung nach einer Welt ohne Prostitution eint, 3 Personen, die sehr unterschiedliche politische Agenden haben dürften.
Übrigens kenne ich Personen, die bei diesem Format nicht dabei sein wollten, da sie schädliche Desinformation über Sexarbeitende nicht unterstützen wollten. Verständlich aber, dass Balthus und Heer und vielleicht auch Skudelny die Anti-Sexarbeit-Bewegung nicht ohne Widerspruch ihre Narrative pflegen lassen möchte.

Schon jetzt ist klar, der Titel der Sendung ist verfehlt. Er sollte lauten: #malEhrlich, öffentlich-rechtliche Medien, wieviel #false Balance und Desinformation passt in eine Sendung? Und wie oft müssen Sexarbeitende das noch kritisieren, bis sie gehört werden?

Wie genau funktioniert die Verbreitung von Desinformation?
Deswegen schaue ich hier genau auf Redeanteile, Argumente, Überleitungen und Gewichtungen.
Als Erste befragt Weber 9 Minuten (bereits 15% von der Gesamtsendezeit) lang Sandra Norack nach ihrem Schicksal als Betroffene der Loverboy-Methode. Ihr und allen Betroffenen von toxischen, manipulativen Beziehungen, sexualisierter Gewalt und Ausbeutung möchte ich mein Mitgefühl aussprechen.
Dennoch zeigt sich hier bereits ein grundlegendes Kennzeichen von #PLURV, nämlich die Anrufung von Pseudo-Expert*innen. Norack mag Expertin für Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung sein, und sollte zu DIESEM Thema gehört werden.

Unter der Fragestellung „Sex gegen Geld“ ist sie als Expertin fehl am Platze, da ihr Schicksal eben nicht stellvertretend ist. Noracks Erzählungen sind geprägt von Abwertung und Pathologisierung sexarbeitender Personen. Geschickt verwebt sie Aussagen wie: „man denkt, man tut es freiwillig“, mit „kaputt / Wertlosigkeit / nur diese Prostituierte (sein)“. Es ist für mich schockierend, wie viel Abwertung und Stigma Norack reproduziert, eine generelle Pathologisierung aller sexarbeitenden Menschen nahelegt um ihr politisches Ziel der Freierkriminaliserung zu rechtfertigen. Über die Mechanismus dieser Pathologisierung habe ich woanders bereits geschrieben:

http://mademoiselleruby.com/2021/03/06/trauma/

Moderator Weber bereitet Norack eine Steilvorlage nach der anderen und das gipfelt in der Frage: „Wäre Ihr Schicksal anders verlaufen, wenn in Deutschland vor 20 Jahren wie Schweden die Freierkriminalisierung eingeführt hätte?“ Norack bejaht- sie und andere sprechen vom sog. NM, ein Begriff, der bereits per se Desinformation ist. Menschenrechtsverletzungen an Sexarbeiter*innen nach schwedischem Vorbild wäre die passendere Bezeichnung, das betone ich besonders, denn in der Sendung findet diese Frage nicht ein einziges Mal statt. Vollkommen unkritisch dürfen die Befürworter*innen der end-of-demand – Politik Werbung für ein Gesetz machen, dass die Menschenrechte von Sexarbeitenden mit Füßen tritt und Stigma Vorschub leistet.
Wir halten fest: 10 Minuten lang hat der Zuschauende keine kritische Frage gehört, ob das, was hier als Ist-Situation in der Prostitution beschrieben wird – nämlich Verbrechen, Zwang und Ausbeutung – tatsächlich als repräsentativ für eine ganze Berufsgruppe angesehen werden kann?

Stattdessen leitet Weber zu Julia Wege über. Wege ist als „Wissenschaftlerin“ in der Runde, doch auch sie ist eine Pseudo-Expertin. Ihr Redeanteil in der Sendung ist ziemlich klein, aber ihre Funktion ist zentral. Sie soll die Fiktion, dass Prostitution in Deutschland zu 90% Ausbeutung und Verbrechen ist, legitimieren und als Fakt darstellen. Doch ihre Sprache „Körper gegen Geld verkaufen“ / „ausländische Frauen“ und der Hinweis auf die Gesetzeslage verrät sie als Gegnerin der Sexarbeit. Wege leitet eine Beratungsstelle in Mannheim, die nicht Mitglied im BuFas ist. Sie hat in den letzten Jahren massiv Lobbyarbeit für die Freierkriminalisierung betrieben.

(In der Runde fehlt eine Person, die das sog. NM kritisch beleuchtet. Es gibt diese echten Wissenschaftlerinnen, verwiesen sei u.a. auf Susanne Dodillet.)

#PLURV ist Wissenschaftsleugnung und in dieser Eigenschaft sitzt Julia Wege in der Runde und darf unwidersprochen Rosinen picken und Logikfehler als Wahrheiten unters Publikum bringen.

Kurzer Schwenk zu John Heer. Er wird natürlich nicht zu seinem Alltag als Bordellbetreibender befragt, sondern soll die tendenziöse Frage beantworten: „Könnte so etwas, wie das Schicksal von Sandra Norack in Ihren Häusern nicht auch passieren?“ Er wird die Behauptung augestellt, dass Ausbeutung z.B. nach der Loverboy-Methode oder Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung die Norm in der Sexarbeit darstellen. Dieses Narrativ durchzieht wie ein Roter Faden die gesamte Sendung.
Weber hat sich aktiv dafür entschieden, dieses Narrativ zu pflegen. Es hätte immer wieder Gelegenheit gegeben, kritisch zu fragen, ob das wirklich die Realität ist, oder wie sich die Situation für Sexarbeitende in Ländern mit Freierkriminalisierung darstellt. Er unterlässt dies systematisch und muss deswegen scharf kritisiert werden. Skandale und schwere Schicksale wirken sich wohl positiver auf die Quote aus als eine Darstellung von Sexarbeit als coping-Strategie im Kapitalismus aus.

Heer versucht die Zahl „400.000“ herzuleiten, antwortet aber dann doch auf die Frage des Moderators. Im Hintergrund grinst Breimayer verächtlich. Heer kann es in diesem Setting nur falsch machen, denn es geht nicht um ihn, er ist als Token, als Feigenblatt anwesend für eine Werbeveranstaltung des SWR pro Freierkriminalisierung.
Weber holt Judith Skudelny ins Gespräch: Er fragt sie, wie die Gesetze durchgesetzt werden könnten, die es ja bereits gibt? Vergesst bitte nicht: Die Grundlage für Webers Frage ist: 90% dessen, was in der Prostitution stattfindet ist ungesetzlich, ausbeuterisch und Verbrechen. Das hat er nie in Frage gestellt, und deswegen kann Skudelny auch so viel von Differenzierung und Stigma reden, wie sie möchte. Es verpufft. Hängen bleibt bei mir: Auch sie bemüht Metaphern wie Licht und Dunkel und auch sie greift die Symbolik des Ausstiegs auf.

Als Nächstes leitet Weber zu Breimayer über. Im Verhältnis zu Skudelny erhält sie die dreifache Redezeit. Sie nutzt sie, um die Illusion zu erzeugen, dass es in Deutschland keine Angebote gäbe, die Sexarbeitende mit Umstiegswunsch beraten. Breimayer versucht so, den Begriff des Ausstiegs zu vereinnahmen. Das bleibt natürlich unwidersprochen, obwohl Fachberatungsstellen bereits Jahrzehnte Konzepte und Wege erarbeiten, wie ein Umstieg gelingt. Denn diese Fachberatungsstellen im BuFas, zu denen Weges Fachberatungsstelle nicht zählt, wissen: Der Grund für Schwierigkeiten beim Umstieg sind nicht, wie Breimayer es darstellt, vorrangig verbrecherische Strukturen, sondern Stigma und Diskriminierung von Huren. Natürlich passt das der SPD-Politikerin nicht ins Konzept, denn sie ist als Figur untrennbar mit der Forderung einer „Welt ohne Prostitution“ verbunden. Für andere politische Inhalte ist Frau Breimayer der Öffentlichkeit gar nicht bekannt. Die politische Karriereleiter ist sie die letzten Jahre lang auf dem Rücken von Sexarbeiter*innen hinaufgestiegen, deren Existenz sie leugnet und deren Lebensrealität sie bekämpft.

Ein seltener Moment, in dem in den Desinformationen der Pseudo-Expertin Breimayer ein Körnchen Wahrheit steckt, ist dieser: Viele Menschen in der Prostitution fielen durchs Raster sozialer Sicherungssysteme, gerade auch in der Pandemie. Unerwähnt lässt sie, dass ihre Partei seit Jahren bei Angriffen auf Sozialleistungen ganz vorn mit dabei ist. Dass bösartige Migrationsregime, die Menschen Aufenthaltsrechte, Krankenversicherung und legales Arbeiten versagen, massiv von der SPD mitgestaltet werden. Nichts sagt Breimayer zu Armut, Ausbeutung und den Bedingungen für Arbeitsmigration in reiche Länder wie Deutschland. Sie belässt es wissentlich und absichtlich bei der Mär von der prostitutionsfördernden Gesetzgebung. Breimayer sagt als Erste klipp und klar: Selbstbestimmung und Freiwilligkeit seien die absolute Ausnahme. Kein Widerspruch. Es wird nicht hinterfragt, wie freiwillig denn Lohnarbeit im Kapitalismus sein kann? Waum diese „Unerfüllbare Erwartung“ (#PLURV) überhaupt isoliert an die Sexarbeit gestellt wird?

Stattdessen leitet Weber zu Salome Balthus über. Wie John Heer kann auch sie in dieser prädisponierten Runde nur verlieren. Sie wird als Ausnahme hingestellt und soll Alternativen für einen Status Quo aufzeigen, den sie nicht zu verantworten hat. Weder ist es Balthus‘ Versäumnis in keiner Zwangslage zu sein, noch würde sie dem Narrativ zustimmen, dass 90% der Menschen in der Prostitution unter Zwang ausgebeutet werden und somit Opfer von Verbrechen sind. Das wird sie aber absichtlich nicht gefragt. Das Othering funktioniert so: Weber formuliert es so: „Anders als Sie leiden viele Frauen unter Zwang bis hin zum Tode“. Ich finde keine andere Beschreibung für diesen Satz als niederträchtig.

Auf Balthus folgt Ex-Polizist Manfred Paulus, der seit 2003 (!) pensioniert ist. Ein weiterer Pseudo-Experte, der nicht über „Sex gegen Geld“ insgesamt Bescheid weiß, sondern über Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Weder kennt er die Verhältnisse in der Sexarbeit vor 2003 noch danach, denn als Kriminalkommissar hat er stets in Verbrechen ermittelt. Paulus hat ein Lieblingswort: „Sexsklaverei“. Weber fragt ihn: „Wieso gibt es trotz Gesetze gegen Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung und Zuhälterei Geschichten wie die von Sandra Norack? Warum können wir diese Gesetze nicht so anwenden, dass es dieses Leid nicht gibt?“ Eine selten unsinnige Frage, die Weber dort formuliert hat. Viele Dinge sind verboten und existieren trotzdem. Das Problem an Webers Moderatorenrolle ist aber nicht, dass er blöde Fragen stellt, sondern, dass er dabei hilft Desinformation zu verbreiten.

(Kurzer Einschub: Für die bessere Anschaulichkeit ein Beispiel. Bewirken die Korruptionsfälle in der CDU einen Generalverdacht aller Politiker*innen dieses Landes, korrupt zu sein? Hier sprechen wir über eine soziale Gruppe, die über Macht und Einfluss, sowie finanzielle Kraft und mediale Aufmerksamkeit verfügt. In dieser Frage wird seit Wochen erzählt, es handele sich um Ausnahmen oder Einzelfälle. Bei der Sexarbeit existieren diese Hemmungen zur Verallgemeinerung nicht: Pauschale Rückschlüsse auf alle Sexarbeitenden, ohne sich auch im Mindesten mit den Voraussetzungen der Sexarbeitenden zu beschäftigen oder diese zu thematisieren, ist mittlerweile fast Standard.)

Paulus ist ein sehr problematischer Diskutant, der auch noch offen xenophob daherreden darf. 90% der Personen in der Prostitution seien „Ausländer“ aus Nigeria, Osteuropa, Balkan, Südostasien. Die Zahlen bestätigen das so nicht, aber das ist Paulus vollkommen gleichgültig. Ihn interessieren auch nicht die Bedingungen in jenen Ländern, die zur Arbeitsmigration führen, sondern lediglich, dass dadurch Deutschland zum Bordell Europa wurde.
Hier wird offenbar, dass es nie darum ging, zu verstehen, welche gesamtgesellschaftlichen Gründe zu Arbeitsmigration in eines der reichsten Länder führen, sondern es geht darum, diese zu verhindern, indem durch Kriminalisierung der Kunden die Nachfrage unterbunden wird. Jemand wie Weber hat kein Interesse zu fragen, was zu sozialer Ungleichheit geführt hat oder welche Verantwortung Länder wie Deutschland dafür tragen? Hier geht es um Symptombekämpfung, um „Rettung“. Dafür braucht es Menschen wie Weber und den SWR, die Narrative zementieren, Desinformation verbreiten und Aktivist*innen wie Norack, Breimayer, Wege und Paulus eine Bühne bieten. Mit Journalismus und Ethik hat das längst nichts mehr zu tun. (Ende Teil 1)

Das PLURV-Prinzip

Wie PLURV der Sexarbeit schadet

Was die politischen Diskussionen über Klimakrise, Corona und Sexarbeit verbindet

Für die Aktivist*innen gegen die Klimakrise ist es ein alter Hut, denn sie sind ständig mit der falschen Darstellung von Fakten über die Erderwärmung im politischen und medialen Raum konfrontiert. Sie haben auch als Erste das PLURV-Prinzip beschrieben.

PLURV steht als Akronym für
Pseudo – Expert*innen,
Logikfehler,
Unerfüllbare Erwartungen,
Rosinen – Pickerei und
Verschwörungserzählungen.

Doch nicht nur bei diesem Thema greift das Prinzip der Desinformation: Auch die Pandemie-Politik der deutschen Regierung wurde kürzlich von führenden Wissenschaftler*innen scharf kritisiert. Im NDR-Podcast Corona-Virus Update brachte Professor Christian Drosten am 30.03. den Begriff PLURV in Verbindung mit Wissenschaftsleugnung auf.
Seit letzten Herbst hat der Einfluss der Wissenschaft auf die Coronapolitik in Deutschland massiv nachgelassen. Warnungen der Virolog*innen und Modellierungen der Epidemiolog*innen werden ignoriert und führende Wissenschaftler*innen bezeichnen das Management der COVID19-Pandemie als „wissenschaftsleugnend“.

Während Klimakrise und COVID19-Pandemie die zentralen, globalen Fragen der Menschheit betreffen, ist Sexarbeit ein gesellschaftliches Randthema. Umso frappierender, dass sich auch dort die schädliche Desinformation durch PLURV breit gemacht hat und sich fatal auf marginalisierte Sexarbeitende auswirkt.

Aus Gründen der Übersichtlichkeit vergleicht dieser Text die Wirksamkeit des PLURV-Prinzips in der aktuellen politischen Diskussion zweier Phänomene, die auf dem ersten Blick wenig gemein haben:


Die COVID19-Pandemie und Sexarbeit

Wie Politik und Medien COVID19 verhandeln, ist seit Beginn der Pandemie mehrfach von Wissenschaftlern, darunter Christian Drosten, scharf kritisiert worden.
Christian Drosten verwendete den Begriff Verschwörungsmythen, den ich hier durch Erzählungen ersetze.

Der Vergleich zwischen der Pandemie und Sexarbeit hinkt immer dort, wo Sexarbeit weder gut erforscht noch durch belastbare Zahlen dokumentiert ist. Deswegen kann es in diesem Text nur um einen strukturellen Vergleich der Wirkprinzipien von PLURV auf die Felder Sexarbeit und Pandemie geht.

Meine Expertise liegt eindeutig bei der Analyse der Auswirkungen von Framings der Sexarbeit durch Politik und Medien. Deswegen umreiße ich im Folgenden kurz, wie Drosten sehr zutreffend die Anwendung vom PLURV – Prinzip auf die Pandemie beleuchtet und  biete danach eine mögliche Übertragung auf die Sexarbeit an.

Pseudo – Expert*innen

Fachfremde Personen wie Wodarg oder Bhakdi, aber auch die Unterzeichnenden der Great Barrington Declaration können als Pseudo – Expert*innen in der Coronapandemie angesehen werden. Ihre Akzeptanz in wissenschaftlichen Kreisen ist unterdurchschnittlich bis gering. Doch mittels false balance berichten die Medien nahezu gleichberechtigt und in neutralem Ton über diese Randpositionen, denen es häufig an wissenschaftlicher Belegbarkeit fehlt.

In der Sexarbeit ist es ganz ähnlich: Nicht selten treten selbsternannte Expert*innen wie Breimayer, Schönborn oder Schoß forsch für eine Welt ohne Prostitution, Freierkriminalisierung und gegen Sexarbeit auf. Sie fordern ganz selbstverständlich mediale und politische Aufmerksamkeit und erhalten sie auch für die Verbreitung ihrer tendenziösen, nicht haltbaren Zahlen und Meinungen. Die Medien und auch die Politik hört ihnen zu, bietet ihnen eine Bühne und Plattform und konfrontiert so Sexarbeitende, die sich politisch oder medial äußern, fortwährend mit Pseudo – Expert*innen.

Logikfehler

Drosten holt hier aus, und siehe da, alle Strategien und Spielarten der Logikfehler lassen sich auch in der Sexarbeit nachweisen. Doch bleiben wir zunächst bei der Pandemie:
Das Ad hominem Argument benutzte der Philosoph Jörg Phil Friedrich am 24.03.20 in der WELT gegen u.a. gegen Viola Priesemann. Ohne auf die Details einzugehen, fasse ich das mal so zusammen: Ohne epidemiologische Sachkenntnis fand dort eine verbale Attacke der Verunglimpfung statt.

Wo begegnet uns das in politischen und medialen Stellungsnahmen über Sexarbeit?
Bingo, auch hier landen wir sofort mehr Treffer als ich aufführen kann: Die 3Sat-Produktion „Prostitution – Kein Job wie jeder andere“ benutzt zwei Personen, die sich aktivistisch für die Rechte von Sexarbeiter*innen einsetzen, und präsentiert sie in einem wenig schmeichelhaften, unseriösen Licht. Die Zitate wurden so geschnitten, dass nur Gemeinplätze statt echter Argumente übrigblieben. Zudem ordnete der Beitrag die beiden Sexarbeiterinnen mit den Worten ein, dass solche Personen, das Bild von Prostitution in den letzten 20 Jahren maßgeblich (und verfehlt, so die Implikation) geprägt hätten. Dies ist nur ein Beispiel unter vielen persönlichen Attacken von Politiker*innen und Medienschaffenden, die sich durch Skandalisierung und nicht Sachkenntnis auszeichneten.

Als Nächstes geht Drosten auf irreführende Analogien ein, zum Beispiel die nicht enden wollenden Vergleiche Grippe – COVID19. Außerdem benennt er mehrdeutige Begriffe, wie „mit dem Virus leben lernen“ und die „Dauerwelle“.
Die angesprochenen, unzutreffenden Analogien, wie z.B. SARS-COV2 und die Grippeviren, leiten die Öffentlichkeit immer wieder fehl und spielen, so meine Interpretation, vor allem Populist*innen in die Hände.
Bei den Mehrdeutigkeiten ist es etwas komplexer: Wo „mit dem Virus leben lernen“ zum komplett falschen Zeitpunkt in die Debatte um Lockerungen/Öffnungen eingepreist wird, verharmlost es die aktuelle hohe Gefährlichkeit der 3. Welle. Die „Dauerwelle“ ist ein reiner Kampfbegriff, der keinerlei Bedeutung in der Infektionsepidemiologie besitzt, sondern ins Friseurhandwerk der 80er und 90er gehört.

Die Sexarbeit wird politisch und medial andauernd in einen Topf mit Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung geworfen. Dabei lassen sich beide Begriffe gut trennen: Sexarbeit bezeichnet eine Dienstleistung, die auf einer Übereinkunft beruht, Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung dagegen ein Verbrechen, das per se unter Zwang abgetrotzt wird.

Ein gutes Beispiel für Mehrdeutigkeiten ist der Begriff „Schwedisches Modell“. Ich benutze diesen beschönigenden Begriff nicht und rate ab, ihn argumentativ zu führen. Speziell in Deutschland haben wir ein sehr positives Bild von Schweden: Mittsommer, IKEA und faire Löhne sind nur 3 Schlagworte, die in deutschen Köpfen beim Gedanken an Schweden kreisen. Doch das sog. „Modell“ ist eine Mogelpackung: Durch die Freierkriminalisierung, die vorgibt, das Wohl von Sexarbeitenden zu verfolgen verschlechtert die Lebensbedingungen von Sexarbeitenden in Schweden seit Jahrzehnten. Wer mehr über Lebensrealitäten von Sexarbeitenden in Schweden wissen will, der informiere sich bei Red Umbrella Sweden.
Ein „mit dem Virus leben lernen“ der Sexarbeit ist die Vorstellung, dass mehr Kontrollen und Strafen die Arbeitsbedingungen von Sexarbeitenden verbessert würden. Oder dass die gesetzliche Forderung von Mindestalter und Krankenkassenpflicht unter Sexarbeitenden, wie jüngst von CDU und CSU gefordert, sich positiv auf jene unter 21 jährigen Menschen ohne Krankenkasse in Deutschland auswirken würde. Zu oft prekären Verhältnissen gesellt sich die Kriminalisierung.

Unerfüllbare Erwartungen

Professor Drosten benennt unter anderem das Präventions-Paradox, das sich dadurch auszeichnet, dass der Wissenschaft bei wirksamen Interventionen am Ende vorgehalten wird, dass es ja so schlimm gar nicht gekommen sei und somit übertriebene Prognosen oder gar Panikmache im Raum gestanden haben.

Eine unerfüllbare Erwartung in Bezug auf Sexarbeit ist zum Beispiel die Idee, dass das Phänomen Sexarbeit kurierbar wäre ohne die Voraussetzungen für den Einstieg in die Sexarbeit – also gesellschaftliche Ungleichheit, Armut und Ausbeutung im Spätkapitalismus – zu analysieren. Hier isolieren Medien und Politik sehr gern den Kosmos Sexarbeit und bewerten diese moralisch, ohne auch nur einen Wimpernschlag lang soziale und ökonomische Faktoren zu berücksichtigen oder sogar zu hinterfragen.

Rosinen – Pickerei

Christian Drosten wählt hier das anschauliche Beispiel der Rolle von Kindern in der COVID19-Pandemie. Ganz isoliert wählen Politik und Medien stark verkürzte Befunde aus, und verallgemeinern diese dann. Zum Beispiel: Kinder spielen in der Pandemie doch keine Rolle! Daraus werden Forderungen nach Schulöffnungen, auch ohne Impf- und Teststrategie, abgeleitet. Fatal, dabei berufen sich Medien und Politik oft genug noch auf die Wissenschaftler*in, deren Zitat sie zuvor aus dem Zusammenhang gerissen haben.

Für die Sexarbeit ist eine solche Rosinen – Pickerei die sog. Farley – Studie, mit der medial wie politisch ebenso rentitent wie unzutreffend ein Zusammenhang zwischen Missbrauch, Gewalt und Sexarbeiter*innen hergestellt wird. Sexarbeiter*innen wird geradezu zwingend eine PTBS-Diagnose angedichtet. Diese Pathologisierung entmündigt Sexarbeitende und verschleiert strukturelle Gewalt und Sexismus. Die Studie weist große Ungenauigkeiten und Fehler auf und gilt in Fachkreisen mittlerweile als widerlegt. Und doch führen Medienschaffende und Politiker*innen sie ungehemmt an, und sprechen damit Sexarbeitenden ab, zu wissen, was gut für sie ist.

Verschwörungserzählungen

Ich greife hier nur ein Beispiel unter vielen auf, das Drosten in Bezug auf die Verschwörungserzählungen in der COVID-19 – Pandemie angibt: Die Mär vom opportunistischen Profitieren einzelner Wissenschaftler*innen dient einzig und allein dazu, diese Personen zu diskreditieren. Dabei wird unterstellt, die Wissenschaftler*innen bereicherten sich an Tests oder Impfungen.

Same same in der Sexarbeit: Politik und Medien konfrontieren Sexarbeitende immer wieder mit der Verschwörungserzählung einer Prostitutionslobby. Aktivistische Sexarbeiterin werden so ge-andert. Damit einher geht die Absicht, ihre Stimme unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Zusammenhanglos hinterfragen Politiker*innen und Medienschaffende die Privilegien der Person, und sie wird als Profiteur*in hingestellt.
Richtig ist, dass gerade im Aktivismus Privilegien eine Rolle spielen, wenn es um Präsenz und Zeit geht, die Kontakte zu Politik oder Medien erst ermöglichen. Umso verwerflicher ist es diesen Akteur*innen ihr Engagement anzukreiden. Natürlich ohne zu hinterfragen, welche Voraussetzungen politische Arbeit oder Medienpräsenz besitzen…

PLURV ist ein Analyse-Tool, das Desinformation sichtbar macht: Kein Wunder also, dass SWERFS/TERFS (sexword /trans excluding so-called radical feminists) nutzen oft genau diese Methoden, um Stimmung gegen marginalisierte Gruppen zu machen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es sind auch meine Rundfunkbeiträge!

Es sind auch meine Rundfunkbeiträge!

Sexarbeitende müssen gehört werden.
Neben den politischen Forderungen ist auch das durch „die Medien“ vermittelte Bild veränderungswürdig. Täglich reproduzieren Journalist*innen und Medienschaffende teils ungewollt, teils reißerisch Stigma und Klischees über Sexarbeit. Und lösen damit unter Sexworker*innen Kritik aus.
Das Verheerende: Die Verantwortlichen bei den Sendern und in den Redaktionen nehmen sich die Kritik und Richtigstellungen nicht an. Standardantworten sind leider das höchste der Gefühle. Auf diese Weise wird Marginalisierung zementiert.
Dabei geht es weder um den einzelnen Radiobeitrag, noch diesen Dokumentarfilm oder jene Reportage, sondern um ein Umdenken, das überfällig ist und um das sich nicht herum gemogelt werden kann.
Heute veröffentliche ich beispielhaft einen Brief, der ein Platzhalter ist für viele Tweets und Beschwerden.

Von: Mademoiselle Ruby <ruby@mademoiselleruby.com>
Gesendet: Montag, 22. März 2021 12:54
An: Nach Redaktionsschluss <NachRedaktionsschluss@deutschlandfunk.de>
Betreff: Sexarbeit & Sexarbeitende in den Medien

 

Sehr geehrtes Team von Nach Redaktionsschluss,

Mir gefällt das Format Nach Redaktionsschluss sehr gut und ich habe schon manchmal spannende Anregungen aus den Podcasts mitgenommen.

Als Feministin setze ich mich für die Rechte marginalisierter Gruppen ein, da ich selbst Sexarbeiterin bin, beschäftigt mich die mediale Repräsentation der Sexarbeitenden besonders. Oft erhalte ich im Rahmen meines politischen Aktivismus Presseanfragen, und gerade im Pandemiejahr 2020 habe ich unglaublich viel Zeit für die Sensibilisierung von Medienschaffenden aufgebracht, um die immer wiederkehrenden Stereotype / Framings und Zuschreibungen zu hinterfragen, und wo es geht, auch aufzubrechen.

Und genau darüber würde ich gern mit Ihnen diskutieren:
Vor wenigen Wochen wurde bei 3Sat eine sogenannte Reportage unter dem Titel “ Prostitution – Kein Job wie jeder andere“ ausgestrahlt. In diesem Format wurde gar nicht erst der Versuch unternommen, das Thema Sexarbeit differenziert zu betrachten. Von vorneherein war klar, dass die gängige Dichotomisierung zur Primetime zementiert werden würde. Gemeint ist das:
Die Mehrzahl aller Menschen in der Prostitution seien Opfer von kriminellen Zwang und lediglich eine verschwindend kleine Anzahl würde diesem Job selbstbestimmt und frei nachgehen. Am Beispiel dieser Sendung lässt sich exemplarisch nachvollziehen, worunter in meinen Augen die überwiegende Berichterstattung zum Thema Sexarbeit in Deutschland leidet: Medienschaffende isolieren die Sexarbeit aus dem gesamtgesellschaftlichen Kontext und hinterfragen dann moralisch, ob es sie überhaupt geben dürfe. Über die moralische Grundsatzdebatte werden dann so wichtige Hintergründe und Differenzierungen „vergessen“ oder unterlassen, wie Gender, Rassifizierung, Klassismus und Herkunft.

Außerdem nehme ich zur Kenntnis, dass in den Medien immer wieder nicht verifizierte und oft aus tendenziösen Absichten in Umlauf gebrachte Zahlen aufgegriffen werden. „Die Medien“ leisten durch die Verwendung jener Zahlen einen nicht unerheblichen Beitrag zur zunehmend unsachlich geführten Debatte um Sexarbeit in der Gesellschaft. Ebenso schier unerträglich ist dieser Umstand:
In den seltenen Fällen, in denen sich Sexarbeitende und ihre Verbündete gegen solche unzulässigen Verallgemeinerungen und eine ideologisch prädisponierte Sicht auf Prostitution wehren und zum Beispiel Einspruch gegen Formate wie dieses (z.B: bei den Redaktionen oder beim Fernsehrat) einlegen, erhalten sie  Antwortschreiben, die wiederum Vorurteile, Verkürzungen und Wertungen reproduzieren. Zitate werden aus dem Zusammenhang gerissen, Sexarbeitenden wird mangelnde Sachkenntnis über die Lebensrealitäten von Sexarbeitenden (sic!) unterstellt. Studien, die der wissenschaftlicher Betrachtung nach längst als überholt und obsolet betrachtet werden, werden von Medienschaffenden benützt um die Argumente „Betroffener“ zu entkräften und Sexarbeitende werden geandert, also als Ausnahmen, mundtot gemacht.

Jenseits des Vorwurfs der Voreingenommenheit und mangelnder, aktueller Recherche werfe ich vielen Medienschaffenden vor, nicht zugänglich für eine wichtige Realität zu sein: Die Dichotomisierung in viele Opfer und wenige Selbstbestimmte verschleiert die Komplexität in der weder Opfer noch Selbstbestimmte, glückliche Sexarbeiter*innen Regel sind. Sie macht die Ursachen für den Einstieg in die Sexarbeit in Deutschland unsichtbar, die oft Armut, Ausbeutung und mangelnde Zugänge zu sozialen Sicherungssystemen sind. Sie lässt die Zusammenhänge mit Arbeitsmigration, Hautfarbe, Gender und Diskriminierung außer Acht. Mittels der Dichotomisierung wird also die grundlegende Einordnung von Sexarbeit in den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang versäumt. Zusätzlich landet sie durch false Balance und Nichtbeachtung der Aussagen von Sexarbeiter*innen ins moralische Abseits Das beginnt bei den Selbstbezeichnung und endet nicht bei der Auswahl der Protagonist*innen. Im moralischen Abseits landet die Debatte um Sexarbeit ohnehin leicht, denn viele Menschen tabuisieren Sexualität, sexuelle Selbstbestimmung und weibliche Lust als „Schmuddelkram“. Diese Scham und das ererbte Hurenstigma treffen dann auf  Kriminalisierung von migrantisierten Menschen, Substanzgebrauch und Wohnungslosigkeit und heraus kommt ein toxischer Cocktail, der in der Abschaffung der Prostution die Lösung für Komplexe gesellschaftliche Probleme postuliert.
Am 20.3. strahlte der Deutschlandfunk den Beitrag: Hintergrund. Prostitution in Coronazeiten aus. Die Autorin Anja Nehls bemühte sich um Ausgewogenheit. Dennoch wurden auch in diesem Format Rassismus, Dichotomisierungen sowie nicht belastbare Zahlen reproduziert und es wurde versäumt migrantisierte Sexarbeiter*innen zu Wort kommen zu lassen. Somit verfestigt auch dieser Beitrag die gängige Schwarz-Weiß-Malerei der Sexarbeit in den Medien.

Wie könnte sensible Berichterstattung über Sexarbeit und Sexarbeitende gelingen? Welche Fallstricke gilt es im Sinne von wirklich ausgewogener Berichterstattung zu vermeiden und welche Geschichten werden grundsätzlich nicht erzählt? Dies sind nur einige Fragen, die ich ausgesprochen gern mit Ihnen erörtern würde.

Viele Grüße,
Ruby Rebelde

Trauma?! NEIN zur Pathologisierung von Sexarbeitenden.

Trauma?!
NEIN zur Pathologisierung von Sexarbeitenden.

Eine Auseinandersetzung mit „Trauma and Prostitution“ und die Forderung nach betroffenenkontrollierten Therapieangeboten.

Diesen Input hielt ich im Rahmen des 10. Fachtages „Sexualität & Psyche“ am 15.01.2021.
Hier geht es zum Programm und zu anderen Vorträgen im Rahmen dieser Konferenz:
Programm 10. Fachtag: Sexualität & Psyche

Sexualität und Trauma in der Sexarbeit

Liebe Zuhörende.

Dieser Input ist eine Uraufführung. Ich habe vorher -aus Gründen- nie über Traumata gesprochen,
egal ob über meine eigenen oder die mir bekannter Personen, die mit Sexarbeit zu tun haben.
Zu sehr habe ich befürchtet, dass meine Stimme, die sonst eher mit feministischen und intersektionalen Themen verbunden ist, dann diffamiert und beschmutzt, sozusagen „wegpathologisiert“ werden könnte.

Einigen von Ihnen ist sicher aufgefallen, dass ich die etwas grobkörnige Formulierung gewählt habe:
Personen, die mit der Sexarbeit zu tun haben.

Das ist mir wichtig, denn ich versuche in diesem Kurzvortrag einen Überblick zu denkbaren Personengruppen zu geben, die entweder in der Selbstwahrnehmung als Sexarbeiter:in
oder aber in der Fremdwahrnehmung durch Sexarbeitende mit dem Begriff Trauma in Verbindung gebracht werden können.

Doch zunächst möchte ich Ihnen erläutern, wieso ich entschieden habe, diesen Vortrag zu halten:
Es ist Zeit, das Thema Trauma aus Sexarbeiter:innensicht in eine bereits bestehende Diskussion einzubringen.

Worin diese Debatte besteht möchte ich Ihnen kurz umreißen: In der hitzigen Debatte um Sexarbeit und Kund:innen von sexuellen Dienstleistungen prallen viele extreme Positionen aufeinander:
Die eine Seite möchte die Arbeitsbedingungen der Sexarbeiter:innen verbessern,
Stigma abbauen und Respekt für einen sehr marginalisierten Beruf ermöglichen.
Die andere Seite beabsichtigt Kund:innen zu krimininalisieren, Verbote erlassen und hören Betroffenen (bitte hier als inhaltlich betroffenen Person und nicht als Wertung verstehen) NICHT zu.
Ihnen gilt Sexarbeit explizit NICHT als Arbeit.
Zum Beispiel argumentiert Leni Breimayer damit, dass nahezu alle Prostituierten Traumatherapie benötigen und erhalten sollten („sie bräuchten es“), und es fallen Begriffe wie „serielle Vergewaltigung“ und „Opfer sexualisierter Gewalt“, oder „Missbrauch“. Politiker:innen wie Breimayer behaupten dabei Fakten, die es so nicht gibt und erheben Anspruch auf eine Wahrheit, die ich nicht teile und in Frage stelle.

Falls Sie von mir erwarten, dass ich Ihnen jetzt die erste Variante, nämlich dass Sexarbeit Arbeit ist,
erläutere und dann noch 1,2 Sätze über Trauma einstreue, muss ich Sie heute enttäuschen.

Es ist richtig, ich glaube an Harm Reduction, an freiwillige Beratung und an Netzwerken und Community unter Kolleg:innen in der Sexarbeit. Und doch ist das heute nur am Rande unser Thema.
Ich halte den Standpunkt von Personen wie Leni Breimayer, Ingeborg Kraus oder Lutz Besser
für sehr gefährlich. Heute möchte ich mich gemeinsam mit Ihnen damit auseinandersetzen,
ob und wo der Begriff Trauma in Kombination mit dem Begriff Sexarbeit angemessen ist und welche Schlussfolgerungen daraus zu ziehen sind.

Was mir große Sorgen bereitet: Bei manchen Psychotherapeu:tinnen mit Schwerpunkt Traumatherapie ist etwas in Mode gekommen: Etwa 170 Personen aus dem breiteren Spektrum
Heilpraktiker:innen, Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen fordern die Freierkriminalisierung in Deutschland und damit die gesellschaftliche Ächtung von Sexarbeitenden, ihren Angehörigen,
ihren Kolleg:innen unter Betreibenden von Prostitutionsstätten, Plattformanbieter:innen, Performer:innen und natürlich den Kund:innen  unter dem Deckmäntelchen der Traumatherapie.

Ihnen, lieben Zuhörer:innen muss ich nicht erläutern, was Doktortitel und medizinische Meriten
auf die in Bezug auf Sexarbeit weitgehend ahnungslose Mehrheitsgesellschaft ausstrahlen.

Mir geht es um den sehr wirkmächtigen und nichtsdestotrotz ausgesprochen unlauteren Appell, der gleichbedeutend mit struktureller und institutioneller Gewalt gegen Sexarbeitende ist.

Dort wird suggeriert, Sexarbeitende seien per se ständiger Vergewaltigung und sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Dieses Leid führe zu Dissoziation und die Unterzeichnenden des Appells postulieren somit eine Art unsichtbare oder stille Gewaltausübung. Das ist perfide, denn damit setzen sie sich darüber hinweg, was Sexarbeitende nicht erst seit dem EMMA-Appell „Prostitution abschaffen“ aus dem Jahr 2013 über sich und ihre Identität geäußert haben, und wofür Sexarbeitende und ihre Verbündeten seit jeher kämpfen. Nur damit das klar ist, ich leugne nicht die Mißstände, die es in der Branche durchaus gibt,die benannt und die nachdrücklich bekämpft und ausgeräumt werden müssen.

Statt gemeinsam mit Sexarbeitenden an einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu arbeiten verweisen Anhänger:innen dieses sexarbeitsfeindlichen Appells am Ende auf das eigene Dienstleistungsportfolio, das sie ganz „selbstlos und menschenfreundlich“ einsetzen wollen,
um erzwungenermaßen oder freiwillig ausgestiegenen Sexarbeiter:innen zu „helfen“.

Das Pikante liegt im Detail: Sie wollen Sexarbeitenden „helfen“, doch fordern die gleichen Personen die Ächtung der Sexarbeit als gesellschaftsschädigend: Sie fordern: Die Freierkriminalisierung,
auch bekannt als Sexkaufverbot, die in Schweden und anderen Ländern bewirkt, dass Sexarbeitende noch mehr stigmatisiert werden als zuvor, noch mehr von Armut betroffen sind und noch weitaus mehr durch Verbote ins gesellschaftliche Abseits gedrängt werden. Zugang zu Traumatherapie sollen die Prostituierten nach ihrem Ausstieg erhalten, und nicht zu der Therapieform, die sie für sich wählen, sondern ausdrücklich zur Traumatherapie. Denn die Unterzeichner:innen dieses Appells geben vor zu wissen, was richtig und gut für jede Person in der Sexarbeit ist.

Ich frage Sie, liebe Zuhörenden, wie die Traumatherapie heilen kann, woran unsere Gesellschaft schwer erkrankt ist?
Wie kann die Traumatherapie soziale Ungleichheit und Arbeitsmigration ungeschehen machen?
Wie kann sie ändern, dass Menschen von Diskriminierung und struktureller Gewalt betroffen sind? Dass Sexarbeitende Opfer gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit werden?
Dass Menschen an den Begleiterscheinungen und Folgen des landnehmenden, neoliberalen Kapitalismus, Krieg und Pandemien erkranken, ändert sich nicht durch Verbote, die die Lebensbedingungen dieser Personen noch mehr zur Disposition stellen und letztlich verschlechtern.

Unter einem Sexkaufverbot, wie es in Schweden seit 20 Jahren Gesetz ist, werden nicht-schwedische Sexarbeitende abgeschoben. Im Herkunftsland wartet dann die Armut und die meist weitaus intensivere Stigmatisierung, als vergleichsweise in Deutschland oder Schweden. Das alles entgegnen wir den Fürsprecher:innen dieser Politik seit Jahren.
Sie hören uns nicht zu.

Das Traumatherapieversprechen ist eine Mogelpackung, denn sie ist eine reine Symptomkur und ändert nicht die Gründe oder Argumente, die Menschen finden, um sich für die „coping-Strategie“ Sexarbeit zu entscheiden. Doch das ist bei weitem nicht das einzige Argument,
wieso ich eine Verflechtung aus Traumatherapie und politischer Kampagne für ein Sexkaufverbot nicht gutheißen kann.

Wie könnte denn eine Therapie aussehen, die Sexarbeitende dabei unterstützt mit Stigma, Diskriminierung, Armut und struktureller Gewalt besser umzugehen?

Eindeutig müsste es sich bei einem solchen Angebot um ein freiwilliges, selbst gewähltes Therapieangebot und nicht um ein durch Ausstieg erpresstes, verpflichtendes Prozedere handeln.
Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie sehr Bevormundung und Wertung die Beziehung zwischen Therapierenden und Therapierten stören und ad absurdum führen kann.
Es muss ein klient:innenzentriertes und betroffenenkontrolliertes Therapieunterfangen sein,
in dem diejenigen, die Unterstützung suchen, das Gefühl von Stärkung und Empowerment erfahren.
Wenn Sie mehr über solche Angebote erfahren wollen, dann lade ich Sie ein, einmal die Internetpräsenz von Wildwasser eV. zu besuchen, einer Arbeitsgemeinschaft gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen, die auch offen für Frauen und trans Frauen ist.

Ein wesentlicher Aspekt solcher Beratung ist es immer, die Klient:innen als Expert:innen ihrer eigenen Lebenssituation ernst zu nehmen und ihnen mindestens auf Augenhöhe zu begegnen.
In der Praxis bedeutet dies für die selbsternannten Retter:innen aus dem Traumatherapielager:
Es ist absolut nicht zulässig top-down zu verlangen:Erst Ausstieg – dann Therapie.
Oder:
Die besserwissende Haltung, was gut für die Klient:in ist, stellt die Therpeut:in in den Mittelpunkt, nicht die Klient:in. Ganz zu schweigen von der schwelenden Trans*freindlichkeit
und der Islamfeindlichkeit vieler dieser Anti-Sexarbeits-Allianzen, allen voran Terre des femmes.

Ganz davon abgesehen, dass nicht vergessen werden sollte, dass eine Therapie keine komplette Heilung bedeuten kann, wenn die Ursache der Krankheit zivilisatorischer, gesellschaftlicher Natur ist.
Sie kann lindern, vermitteln, empowern, aber sie wird den Kapitalismus nicht abschaffen,
Klassen nicht abschaffen, Rassifizierung nicht abschaffen! Zumindest nicht im ersten Schritt. 😊

Werfen wir noch einen kurzen Blick auf die aktuelle Situation in Deutschland: Seit 2017 gilt hierzulande das sog. ProstituiertenSchutzGesetz, mit dem eine verpflichtende Anmeldung und eine Zwangsberatung einhergeht.

Die Covid19-Pandemie hat noch deutlicher aufgezeigt, was dieses abscheuliche Gesetz bewirkt.
Per Erhebung des Statistischen Bundesamt haben sich bis 2019 40.000 Sexarbeiter:innen in Deutschland angemeldet und haben einen Hurenpass erhalten. Die Schätzungen über die Anzahl von Menschen, die in Deutschland der Sexarbeit nachgehen schwanken sehr.
Aus dem informierten Umfeld von Forschung und Beratungsstellen kursiert die Zahl von 100. -150.000 Personen. Das würde bedeuten, dass heute jede 3. Sexarbeiter:in in diesem Land der Registrierung nicht nachgekommen ist. Gründe dafür gibt es viele, ich nenne Ihnen mal einige:
Angst vor Stigmatisierung und Zwangsouting durch behördliche Papiere,
Quermeldung ans Finanzamt und Datenunsicherheit. Aber eben auch, und das ist sehr gravierend:
Viele Kolleg:innen haben keine Meldeadresse, gehen der Sexarbeit in Deutschland nach und sind aber in anderen Ländern gemeldet, oder haben keine Papiere oder Aufenthaltstitel.

In der Coronapandemie wird anschaulich, was das bedeutet. Registrierte Sexarbeiter:innen können meist die staatlichen Hilfen in Anspruch nehmen. Die nicht-registrierten, also illegalisierten Kolleg:innen können dies nicht. Sie hungern, verlieren ihren Wohnraum und sind oft gezwungen trotz Pandemie weiter zu arbeiten.Das sind alles in allem wirklich traumatische, staatlich verschuldete Situationen, in der die Kolleg:innen äußerster Vulnerabilität ausgesetzt sind.
Hier brauchen wir sehr konkrete Unterstützung, z.B. für wohnungslose Kolleg:innen, egal ob illegalisiert oder registriert, da hilft keine Traumatherapie der Welt.

Zurück zum Ausgangsthema, generell die medizinische Versorgung, und konkret Therapie für Sexarbeitende.

2/3 der Sexarbeitenden, die sich in Deutschland nicht zwangsregistrieren lassen können
werden brutal und wissentlich durchs Raster fallen gelassen. Für sie gibt es keine Regelversorgung,
ganz sicher keine Therapie, sondern „nur“ die Angebote in Beratungsstellen,
wie zum Beispiel dem Frauentreff Olga eV in Berlin-Schöneberg oder die herausragende Peer-to-Peer-Arbeit von Trans*Sexworks.
Schon heute ist es für (registrierte) Sexarbeitende nicht einfach eine Therapeut:in zu finden,
die offen für die Zusammenarbeit ist. Der Grund hierfür sind Berührungsängste und Stigma
und ganz allgemein eine Situation, in der akuter Fachärztemangel besteht und Wartezeiten von über 12 Monaten keine Seltenheit sind.  Ich habe 3 Jahre gesucht. Und ich bin krankenversichert.

Es geht den Sexarbeiter:innen wie der Mehrheitsgesellschaft mit der zusätzlichen Belastung durch Stigmatisierung und Diskriminierung. Hier würde ich mir Weiterbildungen für interessierte Therapeut:innen wünschen, die darauf abzielen, Expertisen zu erwerben, um auf Klient:innen aus der Sexarbeit angemessen eizugehen. Ich würde mir Programme wünschen,
die den flächendeckenden Ausbau von therapeutischen Dienstleitstungen als Regelversorgung fördert und Programme für jene, die akut Hilfe brauchen oder nicht die Regelversorgung in Anspruch nehmen können. Kriterien für solche Angebote habe ich oben benannt:
Klient:innenzentriert,
betroffenenkontrolliert
und freiwillig.

Lassen Sie uns zum Schluss über Trauma und Sexarbeit sprechen:

In der Sexarbeit begegnet mir Trauma, oder als traumatisch erlebte Erfahrungen erstaunlich häufig.
Nein, das widerspricht nicht dem, was ich Ihnen am Anfang des Vortrags erläutert habe:
Denn Trauma begegnet mir selten so, wie die vorhin besprochenen Traumatherapeut:innen Glauben machen wollen.

Mir begegnen im BDSM – Kontext Menschen, die meine Dienstleistungen in Anspruch nehmen,
um für sich potentiell traumatisierende Handlungen in einen wertschätzenden Rahmen,
safe konzipiert und für sie positiv besetzt durch mich umgesetzt zu bekommen.

Dasselbe trifft übrigens auch auf mich selbst zu, wenn ich diesen Rahmen gestalte,
und selbst nicht in der Sexarbeit, aber in Familie, Studium und Job sexualisierte Gewalt erlebt habe.
In der Sexarbeit darf ich mit Macht und Ohnmacht arbeiten, gestalte Vertrauen und Respekt
und darf manchmal triggernde Komponenten in einen neuen, bekömmlichen Rahmen stellen.

Ich erlebe Menschen, Kolleg:innen, die der traumatisierenden strukturellen und gesellschaftlichen Gewalt, der sie zweifelsohne ausgesetzt waren und sind, die coping Strategie Sexarbeit entgegen setzen. Die ihr Heimatland, in dem Armut und Ungleichheit, Krieg und/oder gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit sie traumatisiert haben, verlassen haben um sich hier eine andere Existenz aufzubauen, in der Sexarbeit ein Puzzlestück ist, vielleicht kurz, vielleicht langfristig.

Wer darf darüber urteilen, wenn nicht sie selbst?

Ich erlebe Menschen in der Sexarbeit, die sich als nicht binär beschreiben,
und Trans Menschen, die tagtäglich das Gefühl von Nicht-zugehörigkeit ertragen müssen,
misgendert werden und ganz sicher von den allermeisten Personen der Durchschnittsgesellschaft mit Skepsis beäugt werden und in der weißen Mehrheitsgesellschaft oft nicht als begehrenswerte Partner:innen wahrgenommen werden.
In der Sexarbeit erleben sie manchmal oder nicht selten Bewunderung, Akzeptanz und erhalten ein Honorar für ihre sexuelle Selbstbestimmung und Performance.

Wer darf darüber urteilen, ob dies jenen Kolleg:innen schadet,  wenn nicht sie selbst?

Ich erlebe Kolleg:innen, die unter sehr prekären Bedingungen leben. Auf der Straße, substanzgebrauchend. Diese Kolleg:innen können kaum einem 9-5 Job nachgehen, und es bleiben wirklich wenige Möglichkeiten, wie der Substanzkonsum finanziert werden kann.
Dies gilt auch für die Gruppe der behinderten Sexarbeiter:innen, der ich selbst angehöre.

Was glauben Sie, ist das Trauma dieser Personen, die Sexarbeit oder vielmehr unzählige vorangegangene Verletzungen, Jobverlust, Ächtung, Wohnungslosigkeit?
Und wer kann entscheiden, was richtig für diese Personen in dieser Lage ist?

Zum Abschluss möchte ich die unterschiedlichen Stränge zusammenführen.
Ich habe ihnen das traumatherapeutische Retter:innen – Lager vorgestellt und eingeordnet, wieso ich diesen pathologisierenden und entmündigenden Zugang, der mit politischen Forderungen einhergeht, zurückweise.
Wir haben einen Blick auf die Bedürfnisse von Sexarbeiter:innen geworfen und uns gefragt, wieweit ein Heilsversprechen der Therapie tragen kann, wenn es oft strukturelle und gesellschaftliche Faktoren sind, die Traumata oder psychisches Leid auslösen.
Danach haben wir über mögliche therapeutische Angebote für Sexarbeiter:innen gesprochen, innerhalb und außerhalb der Regelversorgung, und wieso heute noch Therapieplätze für Sexarbeiter:innen fehlen.
Wir haben Kriterien kennengelernt: Freiwilligkeit, Klient:innenzentrierung und Betroffenenkontrolle.
Und zum Schluss die Frage gestellt, wer darf entscheiden über richtig oder falsch in einer so komplexen Sache wie Sexarbeit.

Im Workshop heute Nachmittag möchte ich Ihnen die Gelegenheit geben, die eigene Haltung zu Sexarbeitenden in den Blick zu nehmen. Welche Bias, Voruteile und Erzählungen wirken auf Sie, wenn Sie sich mit Sexarbeitenden beschäftigen? Wie ist es möglich, diese Prädispositionen zu erkennen und durch andere Konzepte zu ersetzen?

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Hurenstigma.

Sexarbeit:
Das „Hurenstigma“ ist die Abwehr der Gesellschaft von weiblicher Sexualität und Lust

Bascha Mika hat zugehört. Das sagt sich leicht und ist doch nicht selbstverständlich. Viele Journalist:innen und Medienschaffende haben bereits vorgefasste Meinungen -gerade über Sexarbeit- und legen diese ihren Protagonist:innen in den Mund. Dann ist das ganze Prozedere von Anfrage, über Interview bis hin zur Abnahme ein einziger Kampf. Nicht selten ist der Moment der Veröffentlichung ein Moment des bösen Erwachens: Manchmal hat die Redaktion ein unpassendes Stockphoto eingefügt, manchmal ist es eine Überschrift, die mit mir vorher nicht abgestimmt war. Und ist der Beitrag einmal in der Welt, lässt sich nur selten noch was ändern.

Es geht auch anders, und dieser akzeptierende Umgang auf Augenhöhe sollte Vorbild für Medienschaffende sein, die über Sexarbeit berichten wollen.
Mitte Februar erreichte Hydra e.V. die Anfrage zu einem Interview über das CDU/CSU – Positionspapier vom 09.02.2021. Mit diesem Pamphlet für mehr Verbote und Kontrollen im Bereich Prostitution habe ich mich hier beschäftigt.
Entstanden ist dieser schöne Text, ein Protokoll unseres Gespräches über Sexarbeit am Rande der Kriminalisierung und der Illegalität.
Vielen Dank, Bascha Mika!

Hier geht`s zum Artikel:

Am 3.3.21, dem Internationalen Tag für die Rechte von Sexarbeiter:innen gestaltete die FR ein Tagesthema zu Sexarbeit

 

Schämt Euch, CDU/CSU!

Schämt Euch, CDU und CSU!

Am 09.02. hat die Bundestagsfraktion  der CDU/CSU das Positionspapier „Prostituierte schützen – Zwangsprostitution bekämpfen – Ausstiegsangebote stärken“ vorgelegt.

Die perfide Absicht der CDU/CDU ist, Sexarbeitende in Deutschland noch mehr Polizeigewalt, staatlicher Repression und Stigma auszusetzen. Deswegen erhielt das Paper großen Beifall aus den konservativen Medien sowie aus dem Lager der sexarbeitsverachtenden Mainstreamfeminist:innen.

Der Angriff auf Sexarbeitende, Migrantisierte und auf Kund:innen sexueller Dienstleistungen ist ebenso umfassend wie vielschichtig. Während manche noch beklatschen, dass die Drohgebärde eines möglichen Sexkaufverbotes abgewendet scheint, beraumt sich eine konkrete Verschärfung des ProstituiertenSchutzGesetz (ProstSchG) an.
Allzu klar, dass das kommen musste: Eine CDU-Politikerin, die seit Jahren mit diesem Thema befasst ist, spricht bereits von einem „Deutschen Modell“ der  Prostitutionspolitik.

Übrigens fragen  Politiker:innen ab und zu bei Hydra e.V in Berlin an, um Gespräche über z.B. ein Sexkaufverbot zu führen. Wenn solche Papiere das Ergebnis sind, dann missbrauchen sie Sexarbeitende und deren Verbündete als Token. Im Klartext: Sexarbeitende werden nur gehört, um im Anschluss sagen zu können: ‚Wir haben mit Betroffenen gesprochen‘. Es geht nicht darum deren Rat einzuholen oder das überhebliche, realitätsfremde Top-Down der Politik zu beenden und endlich Partizipation an die Stelle der Bevormundung zu setzen. Von solcher Augenhöhe ist die CDU/CSU Lichtjahre entfernt.

Paternalismus, Stereotype und Strafen

Der Text trieft vor Paternalismus, Stereotypen und Unterstellungen. Die CDU/CSU ist nicht in der Lage zwischen Sexarbeit und Menschenhandel zu unterscheiden. Diese Verschränkung aus Kriminalität und Prostitution prägt beinahe jeden Satz. Unter dem Deckmantel von Schutz bereiten sie erhebliche Angriffe auf Sexarbeitende vor:

  1. Die staatliche Kontrolle soll ausgebaut, das Policing verstärkt und die Registrierungskriterien für den verhassten Hurenausweis verschärft werden. Wie sollen sich Kontrollen durch die Polizei, die immer wieder Gewalt und Rassismus vorgehalten werden, denn nicht zum Nachteil der Sexarbeitenden auswirken? Was tun Sie, als CDU/CSU konkret gegen Diskriminierung, Rassismus und racial profiling in der Polizei?
  2. Sie fordern den Einstieg in die Sexarbeit erst ab einem Alter von 21, doch was konkret tun Sie gegen Armut und Ausbeutung, um zu verhindern, dass Jüngere als 21, sich gar nicht erst aus finanziellen Erwägungen für oder gegen die Sexarbeit entscheiden müssen?
  3. Sie fordern, dass eine Registrierung nach ProstSchG nur noch möglich sein soll, wenn die Person krankenversichert ist. Was tun Sie dafür, dass Menschen ohne Wohnsitz, Meldeadresse, Aufenthaltstitel oder Papiere Zugang zum Gesundheitssystem in Form einer (kostenlosen) Krankenversicherung erhalten?

Die Antwort auf diese Fragen lautet: NICHTS.

Sie sind aber nicht „bloß“ untätig sondern werten Sexarbeitende mit solchen Positionserklärungen  ab. Sie leisten ihrer Stigmatisierung Vorschub. Voreingenommenheit lässt sie über die Körper schwangerer Sexworker:innen bestimmen, an der Tauglichkeit Sexarbeitender zur Mutter zweifeln und von oben herab über die Menschenwürde Anderer urteilen, indem sie Verrichtungsboxen und Gang-Bang-Parties als unwürdig ablehnen.

Einige glauben vielleicht an folgendes Tauschgeschäft: Dafür, dass es ein drohendes Sexkaufverbot vom Tisch ist, könnte es sich vielleicht lohnen, neue Härten, neues Unrecht und neue strukturelle Gewalt zu erdulden? Es ist ein Irrglaube, dass eine Verschärfung des aktuellen ProstSchG der langfristigen Forderung Freierkriminalisierung einen Riegel vorschiebt.
Im Gegenteil, all diese Verschärfungen dienen einzig und allein dazu, den Weg einer Kriminalisierung der Sexarbeit zu ebnen und einer Welt ohne Prostitution Vorschub zu leisten.

Das zeigt auch die Forderung, die Evaluation des ProstSchG ein Jahr vorzuziehen. Hier zeigt sich, wie der verheerende Einfluss der Pandemie auf die Sexarbeitenden missbraucht werden soll, um härtere Gesetze durchzudrücken. Die Kolleg:innen, die seit Anfang der Pandemie keinerlei finanziellen, brauchbaren Hilfen erhalten haben, illegalisiert eben das Gesetz, das nun verschärft werden soll. Das so erzeugte Elend, auf das die Politik nun seit einem Jahr keine Antwort hat, wird genutzt, um  Sexarbeitende noch weiter an den Rand zu drängen, ihnen das Leben noch mehr zu erschweren. Wieso gewähren Sie ihnen statt immer weiterer Strafen und Repressionen in einem der reichsten Länder der Welt nicht endlich Zugang zu Gesundheitsschutz und Rechten?
Schämt Euch, CDU/CSU!

Gemeinsam?

UNIDAS – Konferenz: Frauen im Dialog – Wie „gemeinsam & verbündet“ sind wir?

Oder:
Gemeinsam gegen Spaltung!

 

Vom 23.11. –  28.11. fand die vom Goethe-Institut ausgerichtete Online – Konferenz „UNIDAS – Frauen im Dialog“  mit Teilnehmenden aus Brasilien und Deutschland statt.

In Brasilien und Deutschland haben sich während dieser Tage und trotz der globalen Pandemie Feministinnen zusammengefunden um über Intersektionalität, Gewalt gegen Frauen, Frauenrechte & Gleichstellung sowie Krisenprävention zu diskutieren. Wir durften tolle Keynotes unter anderem von Natasha A. Kelly, Ina Holev & Miriam Yosef sowie Phenix Kühnert hören.

Für dieses großartige Event, was viele neue Kontakte und Netzwerke hat entstehen lassen, möchte ich den Organisator*innen herzlich danken.

Mein Bezug zu Südamerika

Manche wissen, dass mich, Ruby, mit Südamerika eine lange und sehr persönliche Geschichte verbindet.
Zwischen 2005 und 2011 habe ich in Chile gelebt und im Rahmen meiner Arbeit als selbständige Reiseleiterin auch intensiv Argentinien & Brasilien bereist.
Doch es ging nicht nur um schöne Urlaubsbildchen, und um Reiseerinnerungen im Übrigen sehr privilegierter Kund*innen in dieser Zeit. Ich kam in Berührung mit der sehr lebendigen und erschreckend präsenten Diktaturerfahrung und dem Mangel an demokratischen Rechten der Bewohner*innen in Chile, Argentinien & Brasilien.
Beinahe jede*r meine*r Freunde hatte Desaparecid*as zu beklagen, also Menschen, die während der Militärdiktaturen einfach verschwanden, ermordet und gefoltert wurden.
Meine Freund*innen aus der queeren Community konnten nicht offen zu ihren Lebenspartner*innen stehen, und ich erlebte in diesen 6 Jahren allenfalls einen allmählichen Wandel zu mehr Miteinander & Toleranz gegen über sexueller Vielfalt.
Ich nahm an großen Protesten gegen die Pacos (Polizei in Chile) teil, die regelmäßig das Gebäude in dem sich die Wohnung meines damaligen Partners befand mit Tränengas bombardierten, da bekannt war, dass dort Linke wohnten. Ich engagierte mich für Wasserrechte (Patagonia sin represas), denn in Chile hatte Pinochet die Rechte am Wasser privatisiert und an große Energiekonzerne verschachert.
Ich habe erlebt, wie die indigene Bevölkerung in Chile und Argentinien, die Mapuche, konsequent um ihre Bürgerrechte geprellt werden.
Die enorm gespaltene Bevölkerung in Chile, in wenige Superreiche und viele, viele Arme

… und… und… und….

Aus diesem Grunde sagte ich begeistert zu als mich die Einladung erreichte, verband ich zum Beispiel mit dem Goethe-Institut in Santiago de Chile auch viele, angenehme Erinnerungen aus diesen Jahren.

Leider nicht nur Lob

Leider kann ich es nicht bei dieser Lobrede belassen:
Schon in der Eröffnungsrede fielen koloniale Begriffe, und mehrfach wurde die transfeindliche, islamfeindliche und sexarbeitsfeindliche Organisation Terre des femmes e.V. lobend erwähnt. Ebenfalls nahm die Vorsitzende dieser Organisation G. Kosack an einem Tag an der Konferenz teil.
Den Organisator*innen war die Problematik dieser Erwähnungen und Einladung ganz und gar nicht klar, denke ich.

Wie bereits oben erwähnt, wurde dem Thema Intersektionalität großer Stellenwert in der Konferenz beigemessen. Terre des femmes e.V. tritt genau diese zentrale & wichtige Forderung nach einem strukturellen Verständnis von Race, Power & Class mit Füßen, in dem sie marginalisierte Gruppen offen ausschließt und Forderungen aufstellt, wie:

  1. ein Sexkaufverbot
  2.     ein Kopftuchverbot für Minderjährige
  3.     die trans* Personen diskriminierende und wissenschaftlich nicht haltbare Kritik am Gesetzentwurf für das Verbot von Konversionstherapien (unter anderem durch beide Vorsitzenden von TdF)
  4.     eine essentialistische Vorstellung von Geschlecht, wie sie in der Satzung des Vereins und durch die Vorsitzende Inge Bell unmissverständlich geäußert wird und sich auch in der Ablehnung von geschlechtergerechter Sprache manifestiert.

Dies ist ein Zitat, aus dem Statement  dass knapp 30 Feministinnen formulierten und unterzeichneten, um gegen diese Verquickung von exkludierenden Schein-Feministinnen und solidarischem Feminismus, der sich auf Rassismus, Klassismus und Machstrukturen hin untersucht, zu protestieren.

Was ist passiert?

Wir informierten natürlich die Organisator*innen über unsere Kritik. Zunächst gab es Grund zur Annahme, dass darüber reflektiert und nachgedacht wurde. Gleichzeitig waren durch die Einladung an Tdf, Verletzungen, Irritationen und Kontroversen vorprogrammiert und unvermeidbar. So saß ich beispielsweise am Freitag in einem Workshop mit G. Kosack über Digitale Gewalt.
Was für eine Ironie, überziehen doch Mainstream-Feministinnen seit jeher die Zielgruppe Trans, Sexwork und viele andere mehr mit digitaler Hetze, Troll-Armeen und jeder Menge stupidem Hass auf den sozialen Medien.
Erst dachte ich, ich kann das aushalten, mit dieser Person zu diesem Thema in einem Raum zu sein, aber nach und nach kippte das. Ich hatte das Gefühl nicht offen sprechen zu können, denn mir war unklar, wer im Raum eventuell die Partei von der TdF-Frau ergreifen würde. Ich befürchtete, dass es zur klassischen Täter-Opfer-Umkehr kommen würde, dass, wenn ich zu deutlich und nachdrücklich protestieren würde, eventuell ermahnt oder gar als Täterin hingestellt würde. Ich befürchtete tone-policing, dass leider in einigen akademischen und bürgerlichen Kreisen in Deutschland sehr verbreitet ist, um Outcalls und strikte Abgrenzung gegenüber rechts-offenen Positionen zu verhindern.

Außerdem befürchtete ich, dass die Diskussion im Anschluss von der Tdf-Person gekapert würde, und sie so ein Forum für ihren Hass erhielte. Verlassen wollte ich den Raum aber auch nicht, denn das hätte bedeutet, Raum zu konzedieren und sich abdrängen zu lassen.
Ein Dilemma! Wirklich aufgewühlt hatte ich keine Ansprechpartner*in, obwohl ich die Moderatorin im Vorhinein darauf hingewiesen hatte. Keine Person fragte, ob es ok oder aushaltbar oder wie es gewesen war. Ich fühlte mich nur schrecklich erleichtert, als es vorbei war und danke allen Teilnehmenden, die im Workshop solidarisch mit mir waren.

Am letzten Abend spitzte sich die Situation noch einmal zu. Es sollte ein Q+A mit Sibel Kekilli geben, deren Namen zuvor mehrfach im Zusammenhang mit Tdf gefallen war. Im Hintergrund feilten wir an den letzten Feinheiten am Statement, um es dann online zu stellen, wenn der Moment dafür gekommen war.
Der Beitrag von Sibel Kekilli triefte nur so vor Paternalismus, Retter*innentum und mangelnden Bewusstsein für Intersektionalität.
Natürlich ist ein Engagement begrüßenswert, das dazu führt, dass es heute ein Frauenhaus in Salvador gibt. Noch begrüßenswerter wäre es aber, beim eigenen Engagement auf Dekolonialisierung, Anti-Rassismus und Einbezug von marginalisierten Gruppen zu achten. Groß wäre es gewesen, zuzugeben, dass sich solche Überlegungen bisher der Kenntnis von Sibel Kekilli entzogen, sie aber nun dafür sensibilisiert sei.

Das ist alles nicht passiert.

Stattdessen wurde die Debatte genau an der Stelle, als Asal Dardan und ich unsere kritischen Nachfragen zu Tdf stellten, abgebrochen.
Zuvor hatte eine brasilianische Teilnehmende bereits Frau Kekilli nach der Gesetzeslage zu Sexarbeit in Deutschland gefragt. Statt Frau Kekilli antwortete der Institutsleiter patronisierend und abwehrend: „So“ eine Frage könne Sibel Kekilli sicher nicht beantworten. Mein Hinweis aus dem Chat, dass ich das aber könne, wurde geflissentlich ignoriert.

Kurz danach ging die Debatte offline und ich wurde im Backend Zeugin, wie Mitarbeitende von UNIDAS jubelten und sich dazu applaudierten, wie geschickt der Institutsleiter DAS mit Tdf gelöst habe. Das war für mich der ultimative Moment von Schock, Wut und Beschämung.

UNIDAS erklärte dann, das Thema könnte in der Abschlussrunde angesprochen werden.
Dort wurde dann ohne weitere Einführung oder Kontextualisierung seitens UNIDAS eine Teilnehmerin aus Brasilien für meine Wortmeldung unterbrochen. Es war sehr unprofessionell und traurig. Ich habe dennoch die Gelegenheit ergriffen, um zumindest etwas beizutragen, das unsere Debatte nachvollziehbarer für die brasilianischen Teilnehmenden und die Zuschauer*innen machen sollte. Die Vortragenden Dr. Michaela Dudley und Pauline Brünger trugen ebenfalls dazu bei.

Alles in allem bin ich sehr enttäuscht über den Eklat und die mangelnde Moderation seitens UNIDAS. Ich bin enttäuscht davon, wie unprofessionell ein Konflikt, der bereits 3 Tage bekannt war, unterdrückt und von der Vorzeigeberühmtheit Sibel Kekilli fern gehalten wurde. Persönlich schmerzt mich das Shaming als Sexarbeiterin, deren Situation anscheinend derartig Randgeschehen ist, dass nicht einmal die Frage danach beantwortet werden kann. Mich macht es traurig, wie unsensibel mit der Kontroverse und unserer Positionierung zu Tdf auch gegenüber den brasilianischen Teilnehmenden umgegangen wurde. Ich wollte keine Person unterbrechen oder meine politischen Inhalte über eine gemeinsame Sache stellen, doch UNIDAS hat genau diesen Eindruck erweckt durch Tatenlosigkeit und Passivität.

Kein Einzelfall, leider!

Insbesondere ist es wichtig, die strukturellen Dimensionen dieser Vorfälle zu begreifen und daraus zu lernen. Es ist seit Joko & Klaas, Alice Schwarzers Hasstiraden und der unterirdischen und unkritischen Anti-Sexarbeitstirade einer chauvinistischen deutschen Hiphopkombo leider ein Dauerbrenner in Deutschland, dass rechtsoffene Privilegiertenpolitik mit Feminismus verwechselt wird.
Deswegen ist es auch kein Versehen, bedauernswerter Umstand oder lediglich unhöflich, was die Organisation UNIDAS tat oder geschehen ließ, sondern strukturelle Ignoranz, Silencing und zudem noch offen doppelköpfig, wenn einerseits Keynotes zu Intersektionalität gehalten werden und andererseits dann Marginalisierung geduldet, gefördert und dadurch normalisiert wird.

Den Unterzeichner*innen des Statements möchte ich danken und hoffe, dass möglichst viele Menschen durch unsere Abgrenzung gegenüber Tdf dafür sensibilisiert werden, was intersektionaler Feminismus wirklich ist.

 

#WhattheFika?!

#WhatTheFika:
Was wurde beim Treffen mit dem schwedischen Sonderbotschafter gegen Menschenhandel und für Sexkaufverbot am 29.9.20 gesagt?

Der Ton beim Empfang und in der Diskussion war zunächst äußerst vorsichtig. Wie schon gesagt, der Sonderbotschafter, der Botschafter, drei Vertreterinnen von pinkdoor berlin und zwei Sexarbeiterinnen kamen zusammen. Im Anschluss traf noch @mercede24748741 vom Berufsverband zu einer Fortsetzung des Treffens in kleinerer Runde ein.

Der Termin startete mit einer Erläuterung vom Sonderbotschafter, wo er eine kurze Geschichte des Sexkaufverbot -aus seiner Sicht- in Schweden lieferte. Da habe ich bereits Atemübungen gemacht, denn die Hybris und das #entitlement mit der sogenannte Fakten und Wahrheiten verkündet werden ist beachtlich. Wir wissen alle, dass es keine belastbaren Zahlen gibt, diese Personen bilden da eine Ausnahme. (Ironie off)

Eine Person von Pink Door hat dann gleich mal die Frage nach der Instrumentalisierung des Sexkaufverbot zur Kontrolle von Migration zu gestellt. Guter Auftakt! Eine sehr wichtige und zentrale Frage. Die Antwort des Sonderbotschafters führt nirgendwo hin, außer der Erklärung guter Absichten kommt da wenig. Die Debatte erinnert an die aktuelle um #RassistischePolizeigewalt und rechte Strukturen in der Polizei, wo Politiker:innen tunlichst vermeiden, ein strukturelles Problem zu benennen.

Dann kam ein sehr interessanter Abschnitt: Der Sonderbotschafter warf die Frage von Freiwilligkeit auf. Wie könne es denn gewiss entschieden werden, dass die Entscheidung für #Sexarbeit ganz und gar auf freiwilliger Basis gefallen sei? Also haben wir über #Arbeit im #Kapitalismus diskutiert. Er sollte mal unseren @Whoroscope_Eu- Podcast dazu hören:http://whoroscope.eu/2020/01/27/whoroscope/

Die Frage stellt sich, wie es denn mit Freiwilligkeit in anderen Branchen so bestellt ist? Landwirtschaft, Fleischproduktion, Pflege…?
Dann kamen wir auf die Erfahrung von #Sexarbeit|er:innen in der Coronakrise in Deutschland zu sprechen. Wie sich Illegalisierung auswirkt, wie Zugänge zu marginalisierten Personen systematisch verhindert werden und wie aus der Grauzone des ProstSchG sehr bald ein finsteres Setting wurde, wo #Polizeigewalt und Elend zunahmen.  Wie Ausstiegsprogramme nichts für Menschen ohne Aufenthaltsstatus tun, und #HartzIV kein Anreiz ist für z.T. hochorganisierte Sexarbeitende, aber auch nicht für Menschen, die aus Armut oder wegen Beschaffung der #Sexarbeit nachgehen.

Immer wieder kommen wir an diesen Moment, wo es keinen common ground gibt, geben kann und geben darf. Wo wir Zahlen und postulierte Wahrheiten in Frage stellen und fordern, dass endlich geforscht werden muss. Wo ich nur schemenhaft erahnen kann, welcher strukturellen Gewalt schwedische Kolleg:innen jeden verdammten Tag ausgesetzt sind.

Interessant auch, wie mit der Frage nach der einhellig ablehnenden Meinung von Menschenrechtsorganisationen zum Sexkaufverbot umgegangen wird. @amnesty hat einfach Unrecht und die anderen auch. „Ich erkläre Dir die Welt, wie sie mir gefällt“-vom Feinsten. Natürlich wurde auch die Frage nach dem alten, weißen Mann gestellt, der einer diversen Community mansplained , was richtig und was falsch ist.

Erinnerungswürdig sind all die Momente in denen meine schwedische Kollegin Dinge richtig stellen konnte. Der Moment als der Sonderbotschafter zugeben muss, dass er den Community Report von Fuckförbundet nicht kennt und er ihn ausgehändigt bekommt.

https://www.nswp.org/resource/member-publications/twenty-years-failing-sex-workers-fuckforbundet-impact-1999-swedish-sex-purchase-act

Die gebetsmühlenartigen Versuche uns als starke Personen und Ausnahmen zu framen und trotzdem wahrzunehmen, dass das, was wir zu sagen haben, sich nicht vom Tisch wischen lässt. Manches konnten wir aufdecken.

Wir haben darüber gesprochen, dass die Sozialwissenschaften und die Psychologie bessere Methoden kennt, als das Retter:innen-Opfer-Täter:innen-Schema und dass es #WhatTheFika Zeit wird, mal im 21. Jahrhundert anzukommen.

Nett war auch, dass der Sonderbotschafter selbst auf den Exportschlager Sexkaufverbot zu sprechen kam. Er musste konzedieren, dass die Bedingungen in Südafrika und Deutschland doch stark von Schweden abweichen.

Leute, ich bin übrigens nicht der irrigen Annahme, in dieser Diskussion etwas „bewirken“ zu können. Es ist mir dennoch wichtig, solche Momente selbst gestalten zu können und deutlich zu machen, dass wir solidarisch mit den schwedischen Kolleg:innen sind UND gegen ein Sexkaufverbot egal wo kämpfen. Das wir es nicht zulassen, dass sich die Antis Begriffe wie #Entkriminalisierung oder #Menschenrechte einfach so aneignen. Dass wir uns nicht pathologisieren lassen.

Bemerkenswert war auch, dass der Sonderbotschafter auf #hatespeech zu sprechen kam. Ein gutes Stichwort um über Diskreditierung und Diffamierung, mit der die #Hurenbewegung von Vertreter:innen eines Sexkaufverbot überzogen wird sowie über #Rassismus und #Transphobie in diesem Zusammenhang mit Verweis auf die „Konferenz“ in Bonn zu sprechen.

Dazu passend hat Sibel Schick kürzlich veröffentlicht:

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1142498.terre-des-femmes-in-die-rechte-ecke.html

Nach insgesamt 3h trennten sich alle wieder, keine Geheimnisse oder Strategien wurden ausgeplaudert, niemand wurde überzeugt, und das war auch nicht Sinn und Zweck der Angelegenheit.
Was nehme ich mit? Es ist sehr wichtig, dass wir lauter über #Menschenrechte sprechen. Netzwerken und sich auf solche Termine vorbereiten, wäre sicher auch ein kluger Schachzug.
Die Erzählungen systematisch dekonstruieren, die sich wiederholen, so wie das hier Theo Meow tut :

https://medium.com/@theomeow/so-freiwillig-ist-sexarbeit-wirklich-ca668df97b4

Auch der Winkelzug über die Opfer von Zwangsprostitution ist nicht recht aufgegangen. Aber da gilt es für unsere #Hurenbewegung aufmerksam zu sein, und nicht auf die happyhooker-Falle reinzupurzeln. Auch diesen Diskurs müssen wir uns stärker zu eigen machen. Wir sollten uns nicht auf die von den Antis gesetzten Themen festlegen lassen, sondern selbst Themen setzen. In diesem Sinne: #WhatTheFika!

Sexarbeit & Behinderung

Sexworkerin mit Behinderung
Sexarbeit als Lohnarbeit zwischen Empowerment & Selbstausbeutung

Dieser Beitrag wurde zunächst auf der Seite sexabled.de veröffentlich. Dies ist eine tolle Seite, die Ihr dringend kennen lernen solltet…

Als ich Christians Seite gefunden habe, war ich sehr angetan von der fundierten Art, mit der sich eins hier einem komplexen Thema, wie beispielsweise dem Sexkaufverbot annimmt. Und mir war sofort klar, dass ich in diesem Kontext gern einen Gastbeitrag schreibe und dabei auch an mein Eingemachtes rühre.

Aus Angst vor positiver Diskriminierung, aber auch aus Sorge, dass die Anti-Front das Thema Behinderung aufgreift und für ihre Zwecke nutzt. Mich versuchen könnte zu entmündigen. Seit noch gar nicht so langer Zeit habe ich mich aber entschieden, dass ich trotzdem auch über die schwierigen und komplizierte Seite meiner Sexarbeit sprechen möchte und eben nicht den Mantel des Schweigens darüber breiten will.

Meine Behinderung ist nicht sichtbar. Ich musste Anfang 30 werden, bis ich endlich auf die Spur dessen kam, was mich gefühlsmäßig lange von sozialer Interaktion abgehalten hatte. In Schule und Studium war ich Außenseiterin, Einzelgängerin und konnte nur schwer nachvollziehen, wieso mich Gruppen, Cliquen und Teamarbeit über Gebühr anstrengte. In dieser Zeit kam das Thema Hochsensibilität als Modediagnose auf. Ich liebäugelte eine Zeit damit, ließ es aber bald wieder fallen, es war mir zu schwammig formuliert und in manchen Kontexten war ich gar nicht sensibel, sondern äußerst fehleranfällig. Durch die Bekanntschaft mit einer männlichen Person im Autismus-Spektrum erlebte ich: Krass, vieles kommt mir so bekannt vor. Interessanterweise fiel das in genau die gleiche Zeitspanne, in der ich mit Sexwork begann.

Wie alles begann

Für BDSM hatte ich mich immer schon interessiert. Und ich hatte keine Berührungsängste mit fremden Körpern, oder damit, über Sexuelles und Intimes zu sprechen.

Ich war ein paar Jahre durch die Südhalbkugel getingelt, um mich zu emanzipieren, von meinem Umfeld und meiner Familie und als ich nach Deutschland zurückkehrte, meldete das BAFöG-Amt an, dass ich meine Studienschulden langsam, aber sicher zurückzahlen musste. Mit meinem damaligen Job als Teamleitung eines Reiterhofes verdiente ich damals noch unter heutigem Mindestlohn und realisierte, SO wird das nicht gehen. Mein Arbeitspensum lag aber bereits zwischen 50 und 60 Wochenstunden, bei 42 Sollstunden. Tiere haben oft Bedürfnisse, die sich nicht an die Uhrzeiten halten. So kam ich auf die Idee, Sexwork könne meine Geldsorgen relativ schnell und angenehm regulieren. Meine Sexualität war immer ein bisschen absurd, queer und voller BDSM-Elemente, daher suchte ich mir in diesem Bereich eine Tätigkeit als Escort-Lady.

2015 wurde ich Opfer eines Zwangsoutings, das ich hier aber nur am Rande thematisieren möchte. Ich erlitt einen BurnOut und erlebte erstmals, dass meine „Diagnose“ im Autismus-Spektrum nicht nur Vorteile brachte, wie ich es bisher eingestuft hatte, sondern auch Herausforderungen. Zum Beispiel lehnten mich 5 Therapeut*innen nacheinander ab, weil ich offen über mein Asperger Syndrom sprach. Ich durchlitt eine ausgeprägte depressive Episode, bedingt durch den Verlust meines Arbeitsplatzes nach dem Zwangsouting, die ich durch Masturbation und intensive BDSM-Erlebnisse (privat & Sexwork) in Schach hielt. Mittlerweile arbeitete ich in BDSM-Studios. Die Bestätigung meiner Kunden (damals waren es wirklich ausschließlich Männer) war sehr wohltuend für mich, nach der ganzen Abwertung, die ich erlebt hatte.

Als günstig erlebte ich auch den Umstand, dass ich in relativ kurzen Arbeitsphasen meinen Lebensunterhalt verdienen konnte und trotzdem nach und nach meine Schulden abbezahlte. Die Eigenverantwortung in der Sexarbeit gefiel mir ebenfalls, konnte ich so selbst priorisieren, was, wann und mit wem geschehen würde. Das alles sind Aspekte, die mir heute sehr wichtig sind.

Auf der negativen Seite ist Stigmatisierung zu nennen, und die informelle, äußerst diverse Struktur von Sexwork. Das Letztgenannte hat auch Vorteile, aber ist für mich manchmal herausfordernd. Ich bin manchmal sehr unsicher, wenn ich in Gruppen sein muss, und finde meinen Platz da nicht so leicht. Ich bekomme zwar sehr viele Zwischentöne mit, aber bei der Einordnung hapert es manchmal. Es passiert, dass mich gruppendynamische Vorgänge überraschen und ich nicht verstehe, wie es dazu kommen konnte. Bei so komplexen Zusammensetzungen von Akteur*innen wie in der Sexarbeit war es für mich lange Zeit nicht einfach, einen angenehmen Umgang mit meinen Kolleg*innen zu gestalten.

Ein Aspekt meines autistischen Spektrums ist, dass ich manchmal nur verzögert wahrnehme, wenn mir etwas zu viel ist und ich mir grundsätzlich viel zumute. Meine Begeisterungsfähigkeit ist groß. Meine Leidenschaft auch. Eine befreundete Aktivistin hat mal gesagt: Das Brennen für „unsere Sache“ (die Rechte von Sexarbeiter*innen) sei einerseits ihre Kraftquelle und andererseits ihr Verderben. Genauso sehe ich das auch.

Kraftquelle oder Selbstausbeutung – oder beides?!

Als selbständige Sexarbeiterin muss man relativ viel Umsatz machen um seine Steuerlast, Versicherungen, die gewerbliche Miete und Werbungskosten zu decken und dann noch davon anständig leben zu können. Am Anfang lebte und arbeitete ich nach dem Motto, mehr ist mehr und praktizierte massive Selbstausbeutung. Wo zuvor in meinem Leben, als ich noch angestellt arbeitete, mir die Chefs und Vorgesetzten im Nacken saßen, übernahm ich nun selbst diese Rolle. Auch aus Angst, es nicht zu schaffen und wieder in die Tretmühle des Angestellten-Daseins zurück zu müssen. Nach 1.5 Jahren Selbstständigkeit hatte ich die nächste Depression und  entschied in dieser grässlichen Zeit, dass sich was ändern musste. Ich wechselte ins Studio LUX in Berlin und begann dorthin zu reisen, wo ich angenehme Kund*innen hatte (Ja, nun auch Frauen). Ich entschied, dass ich nicht reich werden wollte, sondern nur ausbalanciert und möglichst mit viel freier Zeit für andere Projekte, über ein Auskommen verfügen wollte. Ich lernte, dass sich intensive Arbeitsphasen im Wechsel mit ausgiebigen Ruhephasen für mich besser eignen, als ein konstant gleiches Arbeitsaufkommen. Gleichförmigkeit ist eh die Killerin in meinem Leben, ich bin kein großer Routinier, obwohl ich als authentische Asperger-Frau schon auch meine festen Rituale und Abläufe habe.

Empowernd ist an der Sexarbeit für mich, dass ich mich immer wieder neu erfinden kann, und dass ich solange mein Durchschnittverdienst stimmt, ziemlich viel selbst entscheiden kann. Seitdem ich mich als Aktivistin engagiere, erlebe ich auch meine persönliche, subjektive Aneignung des Diskurses rund um Sexarbeit als empowernd. Insbesondere auch durch die Fähigkeit, meine Privilegien als weiße cis-Frau abzuwägen und die mir, nüchtern betrachtet, eine Verantwortung auferlegen. Der ich gern versuche nachzukommen.

Toll finde ich, dass ich meine eigenen Fetische ausleben kann, für die es auf dem „Partner*innenmarkt“ sehr wenig passende Gegenstücke gibt, die sowohl wertschätzend, als auch kompetent mit diesen Vorlieben umgehen können. Wie großartig ist es denn, dass ich damit sogar meinen Lebensunterhalt verdiene?! Und wertschätzend Menschen mit ähnlichen Vorlieben abholen kann?!

Corona – und jetzt?

Als im März die Corona-Pandemie meinem Lebensentwurf der letzten Jahre ein abruptes Ende setzte, denn die Arbeitsstätten der Sexarbeit sind seit mehr als 120 Tagen geschlossen, löste dies eine tiefe Krise in mir aus. Ich versuchte es mit Mini-Jobs im Mindestlohnsektor, ertrug die Ausbeutung nicht, erkrankte wieder, kapitulierte schließlich und beantragte HartzIV. Das verschaffte mir in den letzten Monaten eine Atempause bezüglich der Deckung meiner Fixkosten. Ein Dauerzustand kann das nicht sein, da nur bis Ende September keine Vermögensprüfung vorgenommen wird, und auch die anderen Gängelungen, wie Wohnungsgröße, Eingliederung etc. bis dahin ausgesetzt sind. Aber meine Akzeptanz für die neue Situation einer Gesellschaft im Pandemie-Modus musste erst einmal wachsen.

Meine Motivation bei der Sexarbeit zu bleiben ist einfach. Im Kapitalismus gibt es einfach wenig Bereiche, in der eine Frau selbst bestimmen kann, für welches Geld sie arbeitet und noch weniger Jobs, die nicht von so starker Fremdbestimmung gekennzeichnet sind. Das kleinere Übel? Würde ich nicht sagen, denn ich kann meiner Sexarbeit durchaus was abgewinnen. Es ist aber Arbeit und manchmal nervt sie. Stets ermüdet sie mich und das Tauziehen um Menschenrechte von Sexarbeitenden macht es nicht besser.Und doch hat die Sexarbeit mir die Möglichkeit verschafft mich einigen Traumata meines Lebens zu nähern und Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Weil die Sexarbeit mich in den letzten Jahren ernährt hat, lernte ich mich nach und nach viel besser kennen und lernte meine Bedürfnisse besser kennen. Danke dafür, Sexwork!
Mir helfen meine lieben Kolleginnen und Kollegen aus der Sexarbeit. Ich habe mir mittlerweile bewusst ein soziales Umfeld aufgebaut. Das klingt nun wieder sehr nüchtern… Aber es ist für mich immer eine bewusste Entscheidung in Kontakt mit Menschen zu treten und es war ein Meilenstein zu etablieren, dass diese Kontakte angenehm, kurzweilig und warm sein sollten. Meine Gefühle sind nicht nüchtern, sondern voller Zuneigung und dem Wunsch, diese Beziehungen und Freundschaften möglichst respektvoll und umsichtig zu gestalten.

Interessanterweise sind meine Emotionen gegenüber meinen Kund*innen nicht wesentlich anders gelagert als die gegenüber meinen Freund*innen. Ein Unterschied ist, dass ich mir angewöhnt habe, sie nicht über Gebühr mit Bedeutung aufzuladen oder sie zu „mächtig“ werden zu lassen. Kund*innen kommen und gehen, und nicht jedem Wunsch kann oder möchte ich gerecht werden. Mein Selbstverständnis erlegt mir auf, sehr umsichtig vorzugehen. Beide Personengruppen, Kund*innen und Freund*innen wähle ich aus und kann so mitbestimmen, wie der Kontakt verläuft. Anders ist es mit Familie, aber das steht nun wirklich auf einem anderen Blatt Papier.

Zum Abschluss möchte ich ein Plädoyer für die Sexarbeit halten, auch und gerade, weil sie ihrem Wesen nach sehr inklusiv ist. Sowohl ich als Sexarbeiterin mit Behinderung habe meinen Platz, wie auch meine Kund*innen mit Behinderung. Es ist Raum da für uns, und unsere Sexualität. Dass Geld dafür fließt, vereinfacht vieles. Emotionale Gegenleistungen und Care-Arbeit in Partner*innenschaften werden leider oft nicht als Form der Entlohnung aufgefasst, und doch ist es oft genau das: Unbezahlte Arbeit in der Hoffnung eine emotionale Entschädigung dafür zu erhalten. In meiner Form der Sexarbeit veranschlage ich dafür einen Kostenpunkt und verhandele explizit die Gegebenheiten der Dienstleistung. Wie oft habe ich mir in meiner privaten Sexualität gewünscht, dass wir so offen und transparent auch mit unseren Partner*innen umgehen könnten. Ich vertrete diesen Standpunkt auch in meinen Redebeiträgen als Speakerin, möchte es aber hier trotzdem formulieren: Von den Sexarbeitenden kann die Gesamtgesellschaft viel lernen. Von Sexarbeiter*innen mit Behinderung gibt es wiederum Anderes zu lernen. Lasst uns bitte voneinander lernen.
Danke Christian, für diesen Raum, den Du mir hier gibst.