#WhatTheFika:
Was wurde beim Treffen mit dem schwedischen Sonderbotschafter gegen Menschenhandel und für Sexkaufverbot am 29.9.20 gesagt?

Der Ton beim Empfang und in der Diskussion war zunächst äußerst vorsichtig. Wie schon gesagt, der Sonderbotschafter, der Botschafter, drei Vertreterinnen von pinkdoor berlin und zwei Sexarbeiterinnen kamen zusammen. Im Anschluss traf noch @mercede24748741 vom Berufsverband zu einer Fortsetzung des Treffens in kleinerer Runde ein.

Der Termin startete mit einer Erläuterung vom Sonderbotschafter, wo er eine kurze Geschichte des Sexkaufverbot -aus seiner Sicht- in Schweden lieferte. Da habe ich bereits Atemübungen gemacht, denn die Hybris und das #entitlement mit der sogenannte Fakten und Wahrheiten verkündet werden ist beachtlich. Wir wissen alle, dass es keine belastbaren Zahlen gibt, diese Personen bilden da eine Ausnahme. (Ironie off)

Eine Person von Pink Door hat dann gleich mal die Frage nach der Instrumentalisierung des Sexkaufverbot zur Kontrolle von Migration zu gestellt. Guter Auftakt! Eine sehr wichtige und zentrale Frage. Die Antwort des Sonderbotschafters führt nirgendwo hin, außer der Erklärung guter Absichten kommt da wenig. Die Debatte erinnert an die aktuelle um #RassistischePolizeigewalt und rechte Strukturen in der Polizei, wo Politiker:innen tunlichst vermeiden, ein strukturelles Problem zu benennen.

Dann kam ein sehr interessanter Abschnitt: Der Sonderbotschafter warf die Frage von Freiwilligkeit auf. Wie könne es denn gewiss entschieden werden, dass die Entscheidung für #Sexarbeit ganz und gar auf freiwilliger Basis gefallen sei? Also haben wir über #Arbeit im #Kapitalismus diskutiert. Er sollte mal unseren @Whoroscope_Eu- Podcast dazu hören:http://whoroscope.eu/2020/01/27/whoroscope/

Die Frage stellt sich, wie es denn mit Freiwilligkeit in anderen Branchen so bestellt ist? Landwirtschaft, Fleischproduktion, Pflege…?
Dann kamen wir auf die Erfahrung von #Sexarbeit|er:innen in der Coronakrise in Deutschland zu sprechen. Wie sich Illegalisierung auswirkt, wie Zugänge zu marginalisierten Personen systematisch verhindert werden und wie aus der Grauzone des ProstSchG sehr bald ein finsteres Setting wurde, wo #Polizeigewalt und Elend zunahmen.  Wie Ausstiegsprogramme nichts für Menschen ohne Aufenthaltsstatus tun, und #HartzIV kein Anreiz ist für z.T. hochorganisierte Sexarbeitende, aber auch nicht für Menschen, die aus Armut oder wegen Beschaffung der #Sexarbeit nachgehen.

Immer wieder kommen wir an diesen Moment, wo es keinen common ground gibt, geben kann und geben darf. Wo wir Zahlen und postulierte Wahrheiten in Frage stellen und fordern, dass endlich geforscht werden muss. Wo ich nur schemenhaft erahnen kann, welcher strukturellen Gewalt schwedische Kolleg:innen jeden verdammten Tag ausgesetzt sind.

Interessant auch, wie mit der Frage nach der einhellig ablehnenden Meinung von Menschenrechtsorganisationen zum Sexkaufverbot umgegangen wird. @amnesty hat einfach Unrecht und die anderen auch. „Ich erkläre Dir die Welt, wie sie mir gefällt“-vom Feinsten. Natürlich wurde auch die Frage nach dem alten, weißen Mann gestellt, der einer diversen Community mansplained , was richtig und was falsch ist.

Erinnerungswürdig sind all die Momente in denen meine schwedische Kollegin Dinge richtig stellen konnte. Der Moment als der Sonderbotschafter zugeben muss, dass er den Community Report von Fuckförbundet nicht kennt und er ihn ausgehändigt bekommt.

https://www.nswp.org/resource/member-publications/twenty-years-failing-sex-workers-fuckforbundet-impact-1999-swedish-sex-purchase-act

Die gebetsmühlenartigen Versuche uns als starke Personen und Ausnahmen zu framen und trotzdem wahrzunehmen, dass das, was wir zu sagen haben, sich nicht vom Tisch wischen lässt. Manches konnten wir aufdecken.

Wir haben darüber gesprochen, dass die Sozialwissenschaften und die Psychologie bessere Methoden kennt, als das Retter:innen-Opfer-Täter:innen-Schema und dass es #WhatTheFika Zeit wird, mal im 21. Jahrhundert anzukommen.

Nett war auch, dass der Sonderbotschafter selbst auf den Exportschlager Sexkaufverbot zu sprechen kam. Er musste konzedieren, dass die Bedingungen in Südafrika und Deutschland doch stark von Schweden abweichen.

Leute, ich bin übrigens nicht der irrigen Annahme, in dieser Diskussion etwas „bewirken“ zu können. Es ist mir dennoch wichtig, solche Momente selbst gestalten zu können und deutlich zu machen, dass wir solidarisch mit den schwedischen Kolleg:innen sind UND gegen ein Sexkaufverbot egal wo kämpfen. Das wir es nicht zulassen, dass sich die Antis Begriffe wie #Entkriminalisierung oder #Menschenrechte einfach so aneignen. Dass wir uns nicht pathologisieren lassen.

Bemerkenswert war auch, dass der Sonderbotschafter auf #hatespeech zu sprechen kam. Ein gutes Stichwort um über Diskreditierung und Diffamierung, mit der die #Hurenbewegung von Vertreter:innen eines Sexkaufverbot überzogen wird sowie über #Rassismus und #Transphobie in diesem Zusammenhang mit Verweis auf die „Konferenz“ in Bonn zu sprechen.

Dazu passend hat Sibel Schick kürzlich veröffentlicht:

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1142498.terre-des-femmes-in-die-rechte-ecke.html

Nach insgesamt 3h trennten sich alle wieder, keine Geheimnisse oder Strategien wurden ausgeplaudert, niemand wurde überzeugt, und das war auch nicht Sinn und Zweck der Angelegenheit.
Was nehme ich mit? Es ist sehr wichtig, dass wir lauter über #Menschenrechte sprechen. Netzwerken und sich auf solche Termine vorbereiten, wäre sicher auch ein kluger Schachzug.
Die Erzählungen systematisch dekonstruieren, die sich wiederholen, so wie das hier Theo Meow tut :

https://medium.com/@theomeow/so-freiwillig-ist-sexarbeit-wirklich-ca668df97b4

Auch der Winkelzug über die Opfer von Zwangsprostitution ist nicht recht aufgegangen. Aber da gilt es für unsere #Hurenbewegung aufmerksam zu sein, und nicht auf die happyhooker-Falle reinzupurzeln. Auch diesen Diskurs müssen wir uns stärker zu eigen machen. Wir sollten uns nicht auf die von den Antis gesetzten Themen festlegen lassen, sondern selbst Themen setzen. In diesem Sinne: #WhatTheFika!

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