Nichts Halbes, und Nichts Ganzes

Photo by Daniel Krueger on Unsplash

„Nichts Halbes und nichts Ganzes“ bedeutet in Krisenzeiten im Zweifel seine Klientel im Regen stehen zu lassen

Leserinnenbrief einer Sexarbeiterin an die Caritas, SkF, neue caritas

An die Autorinnen des Artikels „Licht und Schatten eines Gesetzes“ (neue-caritas vom 14.06.20):

Liebe Frau Lintzen und liebe Frau Mersch,

Eine Positionierung der Caritas zum knallhart diskutierten Feld Sexarbeit ist überfällig. Alle großen Organisationen von Amnesty International über das Deutsche Institut für Menschenrechte bis hin zur Diakonie haben bislang die Notwendigkeit und das Gebot der Stunde erkannt und sich gegen ein mögliches Sexkaufverbot in Deutschland gestellt.
In diesem Zusammenhang habe ich vor Kurzem den Twitter-Account der Caritas Deutschland um eine Positionierung zum Thema Sexarbeit gebeten und wurde auf Ihren Artikel im aktuellen neue-caritas-Heft hingewiesen.
Zunächst möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass es in meinen Augen kein guter Stil ist, diesen Artikel zu erwähnen um ihn dann aber nicht barrierefrei zur Verfügung zu stellen. Sie können doch nicht ernsthaft davon ausgehen, dass Sexarbeiter*innen dieses Heft abonnieren? Im Zusammenhang mit einer für uns Sexarbeitende sehr wichtigen Forderung „Redet mit uns – nicht über uns.“ erscheint diese Publikationsweise zusätzlich problematisch. Da wäre also zügige Nachbesserung erforderlich. (Das ist mittlerweile dankenswerter Weise passiert, an dieser Stelle Danke an die neue caritas)

Abgesehen davon möchte ich mich inhaltlich mit Ihrem Artikel befassen.
„Was die gesetzlichen Regelungen allesamt nicht vermochten, ist, die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen zu verringern. (…) Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe an der alle (…) mitwirken müssen, dass die Nachfrage und Nutzung von Prostitution unter Inkaufnahme der teilweise desolaten physischen, psychischen und wirtschaftlichen Situation der Prostituierten keine Akzeptanz mehr findet.“
Ich lese diesen Absatz am Ende Ihres Artikels als Plädoyer für die gesellschaftliche Ächtung von Sexarbeit. Sie wollen die Nachfrage verringern, diese Forderung wird derzeit auch aus anderen Kreisen laut, und verbindet sich einhellig mit dem Wunsch nach Freierkriminalisierung oder noch etwas deutlicher: Sexkaufverbot.

Gleichzeitig erörtern Sie in Ihrem Text, dass die Evaluation des ProstituiertenSchutzGesetzes abgewartet werden müsse, nutzen aber mit Blick auf den am 14.05.2019 erschienen „Bericht“ Auswirkungen des ProstituiertenSchutzGesetzes auf die Prostitutionsszene in NRW  für erste Schlüsse. Dieser sogenannte „KOBER-Bericht“ liegt mir vor und auch hier stellen sich mir nicht wenige Fragen:

1. Mir fehlt durch das ganze Dokument hindurch, dass Quellen angegeben werden und Aussagen nicht nur aufgestellt werden, sondern auch wissenschaftlich begründet oder hinterfragt werden.
2. Mir fehlt der Aspekt, dass es sich um Beratungsstellen-Klientele handelt, die aufgesucht und befragt werden. Wenn Sie durch Befragung zur Gesundheit im Wartezimmer eines Allgemeinmediziners hoffen, zutreffende Aussagen über den Gesundheitszustand der Gesamtbevölkerung in Deutschland treffen zu können, wird jede Person mit gesundem Menschenverstand gleich den Kopf schütteln und nach einer Referenzgruppe fragen.
Klar, worauf ich hinauswill, oder?
3. Ich habe, wenn ich mir Ihre Schlussfolgerung im aktuellen Artikel auf der Zunge zergehen lasse, große Bauchschmerzen mit mehreren Aspekten des Berichtes, auf den sich Ihr Text ja explizit stützt.

  • Hätten die befragten Sexarbeitenden einer Auswertung in diesem Sinne zugestimmt, wenn man Ihnen gesagt hätte, dass die ethnografische Begleitung und Auswertung dazu missbraucht werden wird, „die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen zu verringern?“ Hat man sich – wenn man den Artikel von heute und die darin enthaltene, für die eigene Klientel problematische Positionierung miteinbezieht – da vielleicht das Vertrauen eher für die eigenen Zwecke und für das eigene Weltbild erschlichen? Oder vor den Karren einer Moralisierung gespannt?
  • Forschung zeichnet sich in der Regel durch eine Erläuterung der Methodik, der Fragestellung und einer peniblen Quellen- und Zitationsweise aus. Wer hat geforscht? Wozu wurde geforscht? Welche ethischen Grundsätze wurden angewandt? Da sehe ich deutlichen Nachbesserungsbedarf.
  • Im Bericht werden häufig Gemeinplätze, Wertungen, Zuschreibungen und Narrative verwendet, die weder auf Inhalt oder Herkunft untersucht werden, noch problematisiert werden.

Der Rahmen dieses Briefes an Sie ist zu eng, um im Einzelnen darauf eingehen zu können, dennoch wollte ich benennen, dass ich Zweifel an der Wissenschaftlichkeit dieses Berichtes habe und sich diese Zweifel zu einer massiven Skepsis verdichten, wenn ich Ihren Artikel als mittelfristige Schlussfolgerung verstehe.
In weiten Teilen Ihres aktuellen Artikels muss ich die paternalistische Bevormundung kritisieren, mit der sie Sexarbeitende durch Repression, wie Zwangsregistrierung/Zwangsberatung und durch die systematische Vernichtung guter Arbeitsplätze zu besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen verhelfen wollen.

„Die Lebens- und Arbeitssituation vieler Sexarbeitenden haben sich deutlich gebessert. Nicht wenige Betriebe mussten schließen, weil ihnen das Umsetzen dieser baulichen und konzeptionellen Vorgaben nicht möglich war.“
Frau Lintzen, Frau Mersch, wen haben Sie denn zur Lebens- und Arbeitssituation befragt? Jene Sexarbeitenden, die in Eigenregie ein kleines Wohnungsbordell betrieben und sich mit flachen Hierarchien sowohl Kosten- und Erträge aus Ihrer Sexarbeit teilten? Die aber keine zweite Toilette einbauen lassen konnten, oder deren Deckenhöhe 5cm zu niedrig war und die deswegen schließen mussten? Oder das Opfer von Zwangsprostitution, dessen Profiteur*in der Ausbeutung sicherlich keine Konzession nach ProstSchG beantragt hat und das somit vor und nach Einführung des ProstSchG unsichtbar für Hilfsangebote und unauffindbar für Ermittler*innen war? Wohl eher nicht.
Ich möchte auf keinen Fall auf die aktuellen Betreiber*innen von Prostitutionsstätten mit dem Finger zeigen und behaupten, jene, die die Einführung des ProstSchG wirtschaftlich überlebt haben, wären nicht bemüht und bestrebt gute Arbeitsbedingungen für ihre Mieter*innen zu ermöglichen. Fakt ist aber, dass viele der Betriebe, die geschlossen haben, nicht zwangsläufig schlechte Arbeitsplätze darstellten. Fakt ist auch, dass Ihre Verallgemeinerung substanzlos daherkommt, wenn es um die aktuelle Lebens- und Arbeitssituation von Sexarbeitenden geht. Am 14.6. galt in Deutschland zudem bereits  seit 3 Monate ein Tätigkeitsverbot für Sexarbeitende, von dem auch Sie sicher gehört haben? Dazu wäre eine Stellungnahme dringend erforderlich. Nicht mit einem Wort erwähnen Sie diesen Umstand, wieso nicht?
Betroffen bin ich auch über Ihre Relativierung des repressiven Charakters des ProstSchG: Sie referieren zwar, dass sich bis 2018 lediglich 33.000 Personen dem Prozedere der Zwangsregistrierung unterzogen haben, aber sprechen den Kolleg*innen lediglich das subjektive „Gefühl“ von Auslieferung und Stigmatisierung durch behördliche Erfassung zu. Warum tun Sie sich so schwer, anzuerkennen, dass die Zwangsregistrierung über sehr wenig Akzeptanz in der Branche verfügt? Dass der Grund hierfür die Stigmatisierung von Sexarbeit, mangelnde Anerkennung und die allgegenwärtige begriffliche Verknüpfung von Kriminalität, Steuerhinterziehung und Menschenhandel mit der Sexarbeit ist?
Es gibt Teile in Ihrem Artikel, wo Sie zutreffende und richtige Sachen über meine Branche sagen. Insbesondere dort, wo Sie die Politik in die Pflicht nehmen und in Ansätzen über Push- und Pullfaktoren für die Sexarbeit nachdenken, kann ich erkennen, dass der SkF auch über haltbare Einsichten verfügt. Oder, wenn Sie konzedieren, dass das ProstSchG negative Begleiterscheinungen hat. Doch summa summarum entscheiden Sie sich für ein lavierendes Relativieren und resümieren,„dass es weiterhin darum gehen muss, einen Mittelweg zu finden“. Ist das so?

Liebe Frau Mersch und liebe Frau Lintzen, NEIN, das ist mit Verlaub nicht möglich.
Man kann nicht ein bisschen am Stuhl der Sexarbeit sägen, oder sich nur ein wenig in die kochende Debatte um Sexkaufverbot und Entkriminalisierung einmischen. Man kann auch nicht ein bisschen Wissenschaft betreiben und man kann auch nicht aufgrund des eigenen moralischen Unbehagens nur ein wenig Paternalismus und Mandatsmissbrauch an seiner Klientel üben.

Ich sehe viele Möglichkeiten, den Gesamtverband SkF und auch den Verband der Caritas bei einer Positionierung kritisch zu unterstützen und möchte Ihnen anbieten, mit Ihnen in die Diskussion zu gehen. Kürzlich habe ich mich mit der MdB Sylvia Pantel ausgetauscht und bin gern bereit auch mit Ihnen einen Diskurs zu führen. Ich bitte Sie darum, die Seite der Sexarbeitenden unvoreingenommen anzuhören und sich der Kritik am KOBER-Bericht zu stellen.
Weiterhin würde ich mir wünschen, dass Sie sich darüber informieren, was eine weitere Regulierung der Branche für Nachteile mit sich bringt, und welchen hohen Zoll das Sexkaufverbot in Ländern wie Schweden und Frankreich bereits fordert. Hierzu habe ich Ihnen eine einführende Leseliste zusammengestellt, die ich mit sende.

Mit freundlichen Grüßen,

Ruby Rebelde
Sexarbeiterin & Aktivistin, Vorstandsfrau Hydra e.V.

 

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

*